Ungefähr hundert Kilometer westlich von Belgrad in Richtung Bosnien erstreckt sich das fruchtbare Tal von Macva, ein Grüngürtel zwischen den Flüssen Save und Drina, eine herrliche Gegend. Und so wie sich an den schönsten geografischen Plätzen oft die hässlichsten historischen Ereignisse abspielen, geschah es auch dort.

An jenem Ort brach im Herbst 1914 ein dicklicher serbischer General, durch und durch bäuerlicher Herkunft, aber von Kutusowscher Genialität den ersten Ansturm der österreichisch-ungarischen Okkupatoren. Die offizielle Chronik des Ersten Weltkriegs verzeichnet die Großtat dieses Heerführers als ersten Sieg der alliierten Streitkräfte in diesem gewaltigen Konflikt. Der Kommandant hieß Stepa Stepanovic, trug eine sehr flache Offiziersmütze; hätte sie nicht jenen kleinen Schirm gehabt, hätte sie sich kaum von einer gewöhnlichen serbischen Soldatenmütze unterschieden. So ist dies nicht nur ein bedeutender Punkt der Geschichte, nicht einfach eine Eintragung auf der Karte, Cer markiert heute die vielleicht letzte Seite einer blutigen hundertjährigen Chronik: Dort, in einem nahe gelegenen Kloster, soll sich der größte Verbrecher des letzten Balkankriegs, Mladic, versteckt haben. Der ebenfalls eine flache Mütze trug, eine ähnliche wie die von Stepa, als gestohlenes Symbol. Dieser General auf der Flucht ist heute für den gewöhnlichen Serben ein Held, ähnlich wie der Sieger der Schlacht von Cer, obwohl er achttausend sinnlos in Srebrenica ermordete Muslime auf dem Gewissen hat.

Der Heerführer tritt auf wie ein Metzger, er trägt kurze Ärmel

So bewegen wir uns noch einmal auf dem lockeren Boden eines quintessenziell europäischen Raums, das sanfte Tal von Macva, das ganze CerGebiet ist ein Papier, das genügt, um darauf den schwierigen Text dieser von ununterbrochenem Morden durchzogenen Chronik zu schreiben. Zuerst schoss 1914 der neurotische serbische Patriot Gavrilo Princip auf der Straße in Sarajevo auf eine schwangere Dame. Dann griff die gewaltige österreichisch-ungarische Macht das winzige Königreich Serbien an, als wäre sie in Patagonien eingedrungen; elftausend ermordete Zivilisten auf ebendiesem Boden von Macva waren die ebenfalls neurotische Antwort auf den Tod ihres Erzherzogs und den Mord an seiner Frau in Sarajevo. Achtzig Jahre später schießt der apoplektische General Mladic, den Bauch mit Lammbraten vom Spieß voll geschlagen und mit ziemlich viel Alkohol im Blut, der selbst ernannte Verteidiger des Serbentums, auf das belagerte Sarajevo, dann ermordet er jene Menschen in Srebrenica, ähnlich wie der deutsche Okkupator, der im Jahre 1941 in Kragujevac ein Massaker verübte. Das Verbrechen kommt ans Tageslicht, es gibt auch Filme über diese Episode, der Heerführer, der wie jeder Metzger gern kurze Ärmel trägt, verteilt zuerst Schokolade an minderjährige Jungen, dann macht er sie alle in den nahe gelegenen Gräben nieder. Jetzt, während ich dies notiere, versteckt er sich unter den Röcken der Nonnen in jenem Kirchlein unterhalb des Cer-Gebirges oder irgendwo anders da; die Geschichte endet, wo sie begann.

Hier sollte man auch auf das weibliche Prinzip eingehen, das bei diesen Ereignissen eine wichtige Rolle spielt.

Seine Tochter hat sich umgebracht – aus Scham über die Taten des Vaters

Die Frauen dieser Gegenden waren die größten Opfer, nicht nur jene, die im Jahre 1914 von den Soldaten Potioreks an den Pflaumenbäumen in den Gärten aufgehängt wurden, nur weil sie serbisch sprachen. Die Frauen waren die Märtyrerinnen in den Lagern der Tschetniks und anderer Vergewaltiger; gleichzeitig blieben sie bis heute, besonders im Belgrader Widerstand gegen die noch nicht lange zurückliegende Diktatur, die wichtigsten Kämpferinnen, ihre aufschreiende Stimme drang bei der Entlarvung dieses Übels am weitesten. Aber sie sind nicht nur laute Klageweiber auf den Friedhöfen. Eine stille Frau, Flüchtling aus Srebrenica, erzählte mir die Geschichte von einer Kuh aus ihrer Nachbarschaft. Der sie sich genähert hatte, um sie zu füttern, doch dann bemerkte sie, dass die Kuh weinte. Erst später fiel ihr auf, dass die Kuh wie jedes menschliche Wesen verwundet war und wie jedes solche Geschöpf Tränen vergießen konnte. Und schließlich: Ist es nicht auch eine mutige Belgraderin gewesen, die jenen Film über das Verbrechen in Srebrenica entdeckt und ans Licht gebracht hat?