Nahezu unersättliche Neugier den Menschen gegenüber, das war der innere Motor, der ihn antrieb. Dabei interessierte ihn restlos alles, über das einer überhaupt in Worten Auskunft geben kann, und speziell das, was andere als Bagatellen abtun. Zum Beispiel wollte er wissen, ob einer lieber Käse zum Dessert verzehre oder was Süßes, ob er lieber Wein trinke oder Bier, und was er sonst noch so in seinem Kühlschrank horte. Auch erkundete er, ob in einer Wohnung Parkett oder Teppichboden liege und wenn, bitte schön: in welcher Farbe? Beige? Blau? Rot? Mal abgesehen von den Hobbys und Vorlieben, da fragte er anderen buchstäblich die Seele aus dem Leib: Welche Bücher sie läsen, was ihre Lieblingsfilme seien, ob sie ins Museum oder ins Fußballstadion gingen...Ach ja, und welche Sorte Schuhe trage man in der Freizeit, spitz und chic oder doch eher sportiv? Am Ende sortierte er seinen Berg Auskünfte, und über kurz oder lang war er dann einmal mehr für eine Überraschung gut. Denn alles, was er zutage förderte, hatte man zuvor nicht wirklich bewusst wahr genommen, vor allem nicht mit den Folgerungen, die er daraus ableitete und zwar unabhängig davon, ob da was ins gängige Weltbild passte oder nicht.

Vielleicht rührte seine Neugier daher, dass ihm nichts von dem, was er erreichte, automatisch zugefallen war, er sich selber das Wissen über die Welt hatte erfragen müssen. Anders als viele Konkurrenten aus so genanntem guten Stall hatte er seine Position einzig mit Intelligenz und Fleiß erobert. Ein Kind kleiner Leute, aufgewachsen in einer bergigen Region im Süden, fernab der Zentren der Welt. Mit zunehmendem Alter träumte er davon, eines Tages in die Provinz zurückzukehren. Aber eine schwere, den Tod bringende Krankheit vereitelte, dass er den Traum noch verwirklichen konnte.

Ein Internat für Eliteschüler, später eine Eliteuniversität waren die Stationen, die der hellwache Junge auf dem Weg nach oben durchlief. In einem Interview erinnerte er sich einmal daran, dass er sich auf der Toilette im Schulhof immer schutzlos ausgeliefert fühlte, weil man die Tür von innen nicht verriegeln konnte. Und er beschrieb, wie wohl ihm zumute war, wenn er an den Sonntagen allein im Internat bleiben und den ganzen Tag ungehindert lesen konnte. Die Bücher sollten seine Begleiter bleiben; etwa dreißig hat er im Laufe seines Lebens selbst vorgelegt, und das waren keine schmalen Bändchen.

War er ein Einzelgänger? In gewisser Hinsicht schon. Aber dann fühlte er sich doch wie wenige andere seiner Zunft dem einfachen Volk verbunden, jenen Gefährten der frühen Kindheit, und machte aus der Zuneigung keinen Hehl. Suspekt waren ihm die liberalen Klugschwätzer, die "mit flotten Sprüchen über die Misere in unseren Gesellschaften hinweg gehen"; ihnen setzte er sein elementares Credo entgegen: "Wir müssen verstehen, wie der andere lebt."

Neugierig bleiben auf das, was Menschen umtreibt; immer wieder genau hinschauen und nachfragen, was sie denken, fühlen, sich erhoffen, ersehnen, woran sie leiden, das war und blieb sein Thema. Und damit erwies er sich als kontinuierlicher Erneuerer jener Disziplin, die der einstige Student der Philosophie zu seiner Leidenschaft und Profession erkoren hatte. Ein längerer Aufenthalt in einer fremden Kultur war zu einer Art Wendepunkt in seinem beruflichen Leben geworden; als der damals knapp Dreißigjährige in sein Heimatland zurückging, hatte er den Plan, eine philosophische Dissertation zu verfassen, ad acta gelegt. Nicht weltferne Theorie, sondern alltägliche Praxis sollte sein Betätigungsfeld werden, und einer schrieb in einem Nachruf: "Er hatte weniger eine umfassende Theorie als einen durchdringenden Stil."

Wer war’s?

Frauke Döhring

Auflösung aus Nr. 9:

Luchino Graf Visconti di Modrone (1906–1976) war ein Nachkomme der Herzöge von Mailand. Die kreative Atmosphäre in Paris ließ ihn erkennen, dass er im faschistischen Italien "wie mit verbundenen Augen" gelebt hatte. Nach ersten Filmerfahrungen als Assistent bei Jean Renoir kehrte er nach Rom zurück und stellte sich dem Widerstand zur Verfügung