So sauber war die Stadt schon lange nicht mehr. In der Fußgängerzone liegt kein Schnipsel, die Papierkörbe sind geleert und mit frischen Plastiktüten versehen. Nur nahe dem Gewerkschaftshaus haben die Müllwerker als eine Art Mahnmal einen Haufen Pappkartons liegen gelassen – vor vier Tagen noch drohte die Innenstadt von Hannover unter solchen Abfallbergen zu ersticken. Aber nun haben die Müllmänner ihren Streik ausgesetzt und den ganzen Montag über Frühjahrsputz gemacht. In Hannover demonstrieren die Müllmänner BILD

In der Streikzentrale von ver.di im Gewerkschaftshaus warnt man vor falschen Schlüssen. "Die Müllwerker unterbrechen den Ausstand nur", sagt der Gewerkschaftssprecher Ulf Birch, "sie holen Luft, um zur gegebenen Zeit, in ein, zwei Wochen, wieder rauszugehen. Von Streikmüdigkeit kann keine Rede sein." Und wie zum Beweis schweift sein Blick zu der Stelltafel neben seinem Schreibtisch. Dort hängt eine Streikliste, die für die nächsten Tage gut gefüllt ist. Und die sich leicht für den ganzen März verlängern ließe.

Der Eindruck, dass ein Kompromiss in der Tarifauseinandersetzung im öffentlichen Dienst kurz bevorsteht, ist hier in Hannover nicht zu gewinnen. In Baden-Württemberg und in Hamburg laufen an diesem Dienstag Verhandlungen zwischen ver.di und den kommunalen Arbeitgebern. Letztere fordern, dass die Angestellten im öffentlichen Dienst länger arbeiten, 40 Stunden statt bisher 38,5. ver.di ist dagegen.

Ein Kompromiss könnte jüngeren Arbeitnehmern längere und älteren kürzere Arbeitszeiten bringen. Sowohl der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske wie auch Niedersachsens Finanzminister Hartmut Möllring (CDU), der Verhandlungsführer der Tarifgemeinschaft Deutscher Länder, haben übers Wochenende in Zeitungsinterviews Sympathie für eine solche Lösung signalisiert. Aber der niedersächsische ver.di-Landesleiter Wolfgang Denia winkt ab: "Das ist nichts als eine Mediengeschichte. Hier bei uns bewegen sich die Arbeitgeber überhaupt nicht. Am Arbeitszeitvolumen von 40 Stunden werden sie auch bei einer gestaffelten Lösung nicht rütteln lassen. Und das machen wir bei fünf Millionen Arbeitslosen nicht mit. Deswegen rechnen wir weiter mit einer langen, harten Auseinandersetzung."

Selbst wenn es in Baden-Württemberg zu einer Einigung mit den Gemeinden kommen sollte – der Tarifbezirk Niedersachsen ist die schwierigste Region in der Auseinandersetzung zwischen ver.di auf der einen Seite und den Bundesländern sowie den Kommunen auf der anderen. Finanzminister Möllring gilt als Hardliner: Niedersachsen hat den tariflosen Zustand der vergangenen 22 Monate schon genutzt, um einem Drittel der Landesbediensteten durch einzelvertragliche Regelungen die 40-Stunden-Woche zu verpassen. Möllrings populäres Argument lautet, dass den Bediensteten täglich 18 Minuten mehr Arbeit doch zumutbar sein müssten, da allenthalben in der Wirtschaft wieder länger gearbeitet werde.

Wolfgang Denia hält dagegen: Eine längere Arbeitszeit koste rechnerisch bundesweit 250000 Jobs. Die eigene Klientel überzeugt das Argument. Jedenfalls war in der Streikzentrale in Hannover bei Beginn des Ausstands die Erleichterung zu greifen: Von Tag zu Tag wuchs die Zahl von Post-it-Zetteln, auf denen Sprecher Birch auf der Niedersachsenkarte die Streikbeteiligung in den einzelnen Verwaltungsstellen festhielt. Am Spitzentag der ersten Woche, Donnerstag, waren über 12000 Leute im Ausstand. Denia: "Wir haben 14 Jahre nicht gestreikt, und es war schwer einzuschätzen, wie die Menschen sich unter Druck verhalten würden. Die Arbeitgeber haben keine Schweinerei ausgelassen. Doch nun liegt die Mobilisierung deutlich über dem, was wir erwartet hatten."