Seit hundert Tagen ist Angela Merkel Bundeskanzlerin, täglich erreichen sie Vorschläge von Experten, wie sie das Land regieren soll. Ist aber nicht auch jeder der 80 Millionen Bürger und Bürgerinnen ein Experte auf seinem Feld, dem eigenen Leben? Welche Ratschläge würde Angela Merkel bekommen, wenn sie durch Deutschland fahren würde, um diesen Experten zuzuhören? Für dieses Spezial (Redaktion: Wolfgang Büscher und Matthias Stolz) sind ZEIT- Reporter ausgeschwärmt, um hundert Bürger dieses Landes zu fragen, was sie gerade beschäftigt. Was ihnen Hoffnung macht, worüber sie sich sorgen – und was sie Merkel raten.

Diese hundert Regierungsberater schlagen einen neuen Ton an, der in Parlamenten, Talkshows und Wahlkämpfen selten zu hören ist: Pragmatisch, konstruktiv in ihrem Lob wie in ihrer Kritik, befreit von Ideologien, Larmoyanz und Selbsthass, wollen die meisten der Interviewten dabei helfen, dass es aufwärts geht. Denn wie formuliert es der 17jährige Max Mayer aus Hamburg: "Mein Leben ist jetzt, jede Sekunde zählt."

Dabei redet niemand die Lage schön. Ein Frankfurter Jurastudent erzählt, dass er in Bahnhofsnähe oft von Polizisten kontrolliert wird – sein Vater stammt aus Indien. Eine 94Jährige aus Chemnitz meint, "bei der Angela muss man erst abwarten". Im Klinikum Aschaffenburg versorgen im Durchschnitt 2,5 Krankenschwestern 24 Patienten. Und doch sagt der Klinikpfarrer über die Arbeit einer Nachtschwester: "Es ist eigentlich nicht zu schaffen. Dafür macht sie es sehr gut."

Diese Sichtweise zieht sich wie ein roter Faden durch viele Geschichten, auch durch das Leben des Gemüsehändlers Ali Seyyidoglu aus Berlin, der Betonbauer war, bis die Firma, bei der er angestellt war, vor einem Jahr Pleite ging. Er und seine Frau arbeiten 18 Stunden am Tag. "Langsam geht es voran", sagt er, "man muss was tun, was soll man sonst tun?"

Die Ratschläge des Volkes an die Kanzlerin sind auffallend konkret. Ein Tischler aus Mecklenburg würde sofort Leute einstellen, wenn nur die Lohnnebenkosten niedriger wären. Eine alleinerziehende Mutter aus Hamburg erklärt, welche Gesetzesänderung ihr helfen würde. Und eine Wissenschaftlerin, deren Karriere nur mit Hilfe von Bafög möglich wurde, kämpft dafür, Kindern aus ärmeren Familien ein Studium zu ermöglichen. Einer unserer Experten, Philipp Anton aus Köln, der "die Harmonie langsam satt" hat, wandte sich nicht an Angela Merkel, sondern an die Opposition: "Was machen eigentlich die Grünen?"

Den hundert Beratern weichen in dieser Ausgabe Harald Martenstein, Wolfram Siebeck, Wochenschau, Autotest und die Traum-Seite. Das Wort haben nun: die Bürger.