Schön, langsam, Luxus

Ein Wiener in Paris: Erik Durschmied, 75, ist 18-jährig nach Kanada ausgewandert, um Kameramann und Kriegsberichterstatter zu werden. Seit 45 Jahren lebt er in Paris.

Wien ist wirklich sehr schön. In der Innenstadt denkt man unweigerlich, es sei ebenso schön wie Paris. Nur langsamer. In Paris habe ich noch keinen Ort entdeckt, der weiter als 300 Meter von einer Metrostation entfernt ist. Wenn ich von Paris in mein Haus nach Südfrankreich will, nehme ich den TGV: Paris–Avignon, 760 Kilometer in zwei Stunden und 25 Minuten. Wenn ich von Marseille zu meinem Verleger nach London fahre, sitze ich nicht einmal fünf Stunden im Zug. Fünf Stunden für eine Reise vom Süden Europas in den Norden, unglaublich.

Auf Österreich umgelegt, wäre die Strecke Wien–St.Pölten nach diesen Maßstäben in ein paar Minuten zu bewältigen.

Zeit ist ein knappes Gut geworden. Ich war zehn Jahre lang als Journalist in Vietnam, da hatte ich Zeit, Leichen zu zählen. Heute muss man im Fernsehen mit einem Satellitentelefon reportieren. Wir hatten damals ganz genau zu sein: Der Angriff kostete 32 Menschenleben. Heute sagen sie: Es gibt zahlreiche Tote. Der Druck in diesem Beruf ist so groß geworden.

Kalte Schulter

Wer Verbrecher jagt, ist beschäftigt, wer hinter Kriegsverbrechern her ist, noch mehr. Wie Carla del Ponte, die Chefanklägerin des UN-Tribunals über Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien. Alle Profis haben großen Respekt vor der eisenharten Schweizer Straf- und Völkerrechtlerin, ihre Mitarbeiter stöhnen über sie, Slobodan Milo?eviƒ hasst sie, dessen Kumpane Mladiƒ und Karad?iƒ fürchten sie, den Regierungen in Belgrad und Zagreb ist sie lästig, und wem die Ruhe wichtiger als Völkerrecht und Gerechtigkeit ist, dem geht sie auf die Nerven. Wie der aktuellen EU-Präsidialmacht in Wien. Beim Kanzler und bei dessen Außenministerin, ist Carla del Ponte wegen ihres unkommoden Umgangs mit Kroatien in Ungnade. Das erklärt, worüber man sich in Brüssel und den Haag wundert, nämlich dass del Ponte sich seither vergeblich um einen Termin mit den beiden bemüht hat. Die deutsche Kanzlerin Merkel hat sie schon zweimal gesehen, einmal inoffiziell während des Weihnachtsurlaubs in der Schweiz, danach amtlich in Berlin. In Wien hatte man keine Zeit (von einer Scheinofferte abgesehen, Methode: morgen um acht…). Man könnte fragen: Was will del Ponte überhaupt von Schüssel und Plassnik? Dass die beiden sie ignorieren, ist für das Haager Tribunal belanglos. Aber fürs Land, mit Verlaub, ist es eine Schande.