Nein, Nationalstaaten müssen sich nicht alles gefallen lassen. Frankreich und Spanien wehren sich, weil sich deutsche und italienische Konzerne ihre besten Energieunternehmen einverleiben wollen. Ihre Mittel – neue Gesetze in letzter Minute und staatlich betriebene Nationalfusionen – sind zwar unfein, aber im Übernahmekrieg und in der Liebe ist angeblich alles erlaubt. Deutschland und Italien begehen selbst zu viele ordnungspolitische Sünden, um sich glaubwürdig über Frankreich und Spanien empören zu können.

Stimmt zwar alles, führt aber weg vom Kern: Die meisten EU-Länder gefallen sich in der Opferrolle der Globalisierung und nehmen sich das Recht heraus, gegen die Prinzipien der eigenen Union zu handeln.

Die Franzosen planten jetzt ein "gälisches Gasprom", schreibt der Economist und überzieht damit. Dass die Spanier ihre Endesa vor E.on und die Franzosen ihre Suez vor der italienischen Enel retten wollen, wäre allein noch keine europäische Katastrophe. Zuallererst schaden sie ihren eigenen Volkswirtschaften und handeln sich Ärger mit der EU ein. Außerdem können sie auf Dauer nicht an der Einsicht vorbei, dass ihre Unternehmen nur überleben, wenn der Staat sie vom Gängelband lässt.

Schlimm ist das Vorgehen auch aus einem anderen Grund. Die Regierungen beschleunigen den Trend zum nationalen Trotz. Wer will sich zum Beispiel noch ernsthaft über die Polen beschweren, die in diesen Monaten eine Bankenfusion in ihrem Land behindern?

Das protektionistische Gebaren in Madrid und Paris ist ein Zeichen für eine schleichende Gegenrevolution in Europa. Der freie Wirtschaftsfluss – von Menschen, Waren, Kapital – ist suspekt geworden. So beschlossen die großen Länder des Kontinents, osteuropäische Arbeitnehmer so lange wie möglich abzuwehren. Das war ebenso verständlich wie falsch, weil sie sich auf diese Weise die Talente vom Leibe hielten, nicht aber die Schwarzarbeiter und Scheinselbstständigen.

Spätestens seitdem die Europäische Verfassung als zu liberal niedergestimmt wurde, ist im Ringen mit der Globalisierung allzu viel erlaubt. Dass es Europa mit dem freien Fluss der Waren nicht so ernst meinte wie versprochen, erfuhren chinesische Textilhersteller im vergangenen Jahr. Kurz nachdem die Handelsschranken fielen, wurden ihre Einfuhren quotiert. Die Industrielobbys im Süden Europas waren schlicht stärker als die Verbraucherlobbys im Norden.