Bevor sich die nächste Buchsaison über uns stülpt, kann man noch mal resümieren: Das kommerziell erfolgreichste, blitzschnell zu einem internationalen Bestseller gewordene, in rund ein Dutzend Sprachen übersetzte deutsche Romanwerk der vergangenen Saison war Glennkill von Leonie Swann, einer bis dahin unbekannten 30-jährigen Münchnerin, die inzwischen in Berlin lebt. Die Gattung dieses Romans nennt sich Schafskrimi. Er spielt bekanntlich in einer Herde irischer Schafe. Er wird aus der Perspektive der Schafe erzählt, denn diese können märchenhafterweise denken, sprechen und, soweit es der Schafshorizont zulässt, auch handeln. So weit, so gut. Die Romanprämisse, die darin besteht, Tiere auf die Tollheiten und Gewohnheiten von uns Menschen schauen zu lassen, ist natürlich ganz hübsch. Aber weder rasend neu noch weltbewegend. Was also macht Glennkill zum Marktbrecher?

Die Story? Die Schafe merken eines Morgens, dass ihr Schäfer tot ist, das heißt ermordet im Gras liegt. Daraufhin nimmt die Herde den Charakter einer Sonderkommission an und knobelt so lange an dem Fall herum, bis er gelöst ist.

Die Sprache? Der Gedanke machte sie unruhig. - Sie sah Zora fast flehend an. - Es nieselte noch immer. So ist sie, die Schafssprache, einfach und bescheiden, reell wie eine Grasmahlzeit. Die Schafe wackelten ungläubig mit den Ohren.

Der Stoff? Ja gut, Schafe haben auch ihre philosophischen, sozialen und gruppendynamischen Probleme. Aber groß ist deren erzählerischer Vorrat nicht.

Und an Tiefe mangelt es auch. Auffallend ist einzig die infantile Liebheit, auf deren Niveau sich Amüsement und Unterhaltung bewegen.

Nein, das alles kann unmöglich erklären, warum Glennkill als internationaler Bestseller abgeht wie eine Rakete. Die wahre Erklärung ist viel einfacher, viel vordergründiger. Dieser Schafskrimi ist so erfolgreich, weil es sich bei seinen Protagonisten um SCHAFE handelt. Nicht um Löwen oder Papageien, nicht um Dinos oder Orang-Utans. Sondern um SCHAFE. Wenn man nur einen Moment nachdenkt, begreift man plötzlich, dass niemand anderes als Schafe das ideale Personal eines Romans sind. Besser als Don Quichotte, Madame Bovary und Harry Potter zusammen. Die Geschichte des modernen Romans läuft quasi zwangsläufig auf Schafe zu! Warum? Ja warum wohl! Weil kein anderes Geschöpf die Durchschnittssumme allen organischen Lebens dieser Erde, vom Einzeller bis zu Condoleezza Rice, so perfekt repräsentiert wie das Schaf. Schafe sind das Allgemeine an sich. Waren immer da. Sind überall. Am Äquator und in Patagonien, in Ostfriesland und im Irak, in der Mongolei und in New Jersey.

Kommen überall durch. In kochender Hitze und sengender Kälte. Schafe sind in ihrer sympathisch unauffälligen Präsenz so global, wie es nur geht. Schafe spielen in allen Schöpfungsmythen eine wichtige Rolle, selbstredend im Alten und im Neuen Testament.