DIE ZEIT: Herr Hettling, Sie haben sich lange mit der Geschichte des Bürgertums beschäftigt. Gibt es die neue Bürgerlichkeit wirklich – oder ist sie eine Erfindung, eine Schleife im Wechsel der Lebensstile?

Manfred Hettling: Sie ist keine Erfindung, denn seit Jahren beobachten wir eine Suche nach Bürgerlichkeit. Man hofft, Orientierung zu finden, die es woanders nicht mehr gibt.

ZEIT: Was soll man unter neuer Bürgerlichkeit eigentlich verstehen?

Hettling: Bürgerlichkeit gründet auf Prinzipien wie Individualität, Mündigkeit und Selbstorganisation. In einer unübersichtlichen Welt seinen Weg selber zu finden mit Hilfe dieser Prinzipien – das heißt bürgerlich leben.

ZEIT: Warum wird die bürgerliche Gesellschaft just in dem Augenblick entdeckt, wo sie zerfällt und dramatische Ungleichheiten entstehen?

Hettling: Die bürgerliche Gesellschaft war nie eine egalitäre. Ungleichheit hat es darin immer gegeben.

ZEIT: Sie füllt die Lücke, die der Abbau des Sozialstaates gerissen hat?

Hettling: Bürgerlichkeit ist eine Antwort auf das Ende der wohlfahrtsstaatlichen Illusion. Bislang glaubten wir, über staatliche Regulierung eine Chancengleichheit herstellen zu können. Dieser Glaube ist zerbröselt. Nun betrauern wir das Ende der Illusion, eine friedliche, saturierte Gesellschaft ohne fundamentale Probleme gestalten zu können. Aber der Wohlfahrtsstaat hat vieles nur verdrängt. In seiner alten Form wird er nicht überdauern, auch nicht auf europäischer Ebene.

ZEIT: Und Bürgerlichkeit ist das Nachfolgemodell?

Hettling: Wir waren seit den siebziger Jahren im Glauben befangen, alle Probleme über materielle Transfers lösen zu können. Statt materielle Leistungen zu gewähren, die am Ende doch nur in den Konsum gehen, sollten wir das Geld in Erziehung und Bildung stecken. Darum will die neue Bürgerlichkeit ein neues gesellschaftliches Modell entwickeln. Anders als früher garantiert der Staat in diesem Modell nur noch eine Grundsicherung.

ZEIT: Also Selbstsorge statt Sozialstaat. Das bedeutet die Entsolidarisierung der Gesellschaft.