Der Winter ist fast vorbei, Zeit, die Sommerferien zu planen. Charlotte und Hank Catlin brüten über ein paar aufregenden Angeboten: mit dem Fahrrad durch Vietnam vielleicht, von Ho Chi Minh City nach Hanoi? Oder zu Fuß auf den Kilimandscharo, Afrikas höchsten Berg? Oder doch ein Treck auf den entlegenen Pfaden der Inkas durch Peru zur versunkenen Stadt Machu Picchu? In jedem Fall soll es weit weg gehen und aufregend sein. Auf Tochter Sarah können in der Zwischenzeit die Großeltern aufpassen, sie ist ja schon fünf Jahre alt und freut sich darauf, für zwei oder drei Wochen zu ihnen zu ziehen. Die Hälfte der Kinder wird kostenlos betreut. Ihre Eltern verdienen zu wenig BILD

Egal wofür die Catlins sich entscheiden, diese Ferien dienen in jedem Fall mehr als nur der eigenen Erholung. Denn den Reisekatalog, der bei ihnen auf dem Wohnzimmertisch liegt, hat Mutter Charlotte aus Sarahs Kindergarten mitgebracht.

Es ist ein Kindergarten, wie es ihn in Deutschland nicht gibt. Er wird von der Coram-Stiftung betrieben, einem karitativen Verein, der sich seit über 250 Jahren um Kinder aus sozial schwachen Familien kümmert. Dazu gehören die Catlins nicht gerade. Hank unterrichtet an der Uni, Charlotte ist Architektin, aber weil sie es sich leisten können, bezahlen sie jedes Jahr 4400 Pfund für Sarahs Kindergartenplatz und sponsern damit die Einrichtung. So kann eine der Grundregeln von der Uridee der Institution aufrechterhalten werden: "Hier zahlt jeder nur so viel, wie er kann", erklärt Bernadette Duffy. Sie ist die Leiterin der Kita. Ungefähr die Hälfte der Kinder wird kostenlos betreut. Und die Sommerreise ist ebenfalls dafür gedacht, Spendengelder zu sammeln. Rund 2500 Pfund (3700 Euro) kostet das Abenteuer pro Person. Davon sind etwas über 2000 Pfund (2900 Euro) die Reisekosten, der Rest geht als Spende an Coram.

Es ist nicht nur die soziale Mischung, die den Coram Community Campus zu einem etwas anderen Kindergarten macht. Außer der kleinen Sarah kommen jeden Morgen um halb acht 105 andere Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren her. In dem freundlichen zweistöckigen Backsteinneubau mit großen Fenstern, der einen großen Spielplatz einrahmt, werden sie bis abends um halb sechs betreut.

Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die Kinder, sondern auch deren Eltern. Nachdem sie ihren Nachwuchs abgegeben haben, bleiben viele von ihnen gleich da und nehmen das breite Spektrum von Sozialdiensten an, das auf dem Campus angeboten wird.

Während ihre Kinder mit Kreide malen oder durch die Sandkiste toben, wird arbeitslosen Eltern bei der Jobsuche und Weiterbildung geholfen. Alleinerziehende junge Mütter können Kurse in Kindererziehung belegen. In Großbritannien ein wichtiges Angebot. Denn dort bekommen jedes Jahr rund 13000 Mädchen unter 16 Jahren ein Baby. "Unser Ziel ist es, vor allem Kindern aus unterprivilegierten Familien den besten Start ins Leben zu ermöglichen", sagt Bernadette Duffy. "Darum lassen wir sie nicht nur spielend lernen, sondern kümmern uns auch um ihre Eltern."

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