Wer sich ständig zwischen den Welten aufhält wie Barry Guy, wird meist übersehen. Outer Limits überschreibt die Musikzeitschrift Wire einen Teil ihrer Rezensionen, und genau dort steht der englische Bassist seit seinem Auftauchen Mitte der sechziger Jahre. Wer nach dem Schulabschluss in die Lehre eines Architekten geht, der gotische Kirchen restauriert, und sich im Musikstudium mit Leuten befreundet, die Mathematik lieben, der spielt mit Gegensätzen, bis Leben und Musik danach klingen.

Mit kurzem schlohweißen Haar zum lederjackigen Körper, der davon erzählt, dass hier einer seinen Bass lebenslang durch die Welt gehoben hat, ist Barry Guy der schlagende Beweis wie Sensibilität und vibrierende innere Ekstase in eins gehen. Folio nennt er das einstündige Werk für zwei Geigen, Bass und Kammerorchester, und selten sind zeitgenössische Musik, Improvisation und die Wärme einer Barockvioline so zusammengekommen, um die Schönheit herauszufordern. Inspiriert wurde das Werk durch ein Theaterstück von Nicolai Evreinov (1879–1953) mit dem Titel The Theatre Of The Soul von 1912. Drei Charaktere – Gefühl, Ratio und das Unbewusste – reiben sich aneinander, die Rollen sind auf Barockvioline (Maya Homburger), Violine (Muriel Cantoreggi), Bass (Barry Guy) und das Münchner Kammerorchester unter Christoph Poppen verteilt, und doch bleibt das eine Randbemerkung. Hier trifft ein Geigenchor auf die sprengende Kraft eines Klangsuchers, hier begegnen sich Tiger and Dragon. Wie im Flug nähern sich Geige und Bass, streichen dicht über den Orchesterwellen und ziehen wieder nach oben. Es ist ein Sprechen, ein Bogenkampf in den Lüften, leicht und schwer. Die Klänge laden sich gegenseitig auf, explodieren oder streifen unhelligt vorbei, ein Streicheln vielleicht. Die Geigen schöpfen aus einem Pool von Themen, der Bass improvisiert, das Orchester grundiert flirrend – Barry Guy hat vereint, was im Vorgänger Dakryon (Homburger, Guy, Favre; Maya Recordings 501) angelegt war.

Meist lächelt Barry Guy, er hat alles gespielt: ein Orchester voll Solisten, Trios in allen Schattierungen, Duos mit Freund und Feind, Solos mit Pizzikato und wirbelnder Bogentechnik, er hat Gemälde in Töne verwandelt und Töne in Klangbilder, er ist der Bassist der Moderne. Das ist zu viel Leben, um damit auch noch bekannt zu werden.