Nehmen wir dies zunächst dem Erzähler einfach ab: Die schönsten Unfälle und Zufälle ereignen sich nachts, zeugenlos, fast unwirklich. Zu Beginn des Buches gelangen wir ins neblige Halbbewusstsein eines Nachtwandlers, der beim Überqueren der Pariser Place des Pyramides in Richtung Concorde von einem Auto angefahren wird. Kein Quietschen der Reifen, kein Aufschreien, kein Schimpfen: Überhaupt kein Ton ist zu hören, bis der junge Mann im Streifenwagen unterwegs zum Polizeiamt sitzt und der Fremde auf der Bank ihm gegenüber plötzlich hustet. Auch das ist aber nicht Startzeichen einer nun doch noch beginnenden Geschichte, sondern allenfalls ein dem Geschehen hinterherrollender Nachhall. Ein Geschehen, das längst begonnen hat.

Denselben Unfall, scheint nämlich dem jungen Mann, habe er als Sechsjähriger auf dem Schulweg schon einmal erlebt.

Wenn ein Autor wie Patrick Modiano einen Déjà-vu-Roman schreibt, weiß man, woran man ist. In seinen zwei Dutzend Büchern hat er seit nun beinah vierzig Jahren nichts anderes geboten als permanenten Spurwechsel auf der Jagd nach Erinnerung. Wie mochte die Wirklichkeit aussehen, als Kollaboration, Widerstand, Kleinmut, Unmut und Heldenmut noch keine offiziell beglaubigten Existenzformen und Hinterlassenschaften noch keine Beweisstücke des Verschollenseins waren? Rechts die Kriechspur des Erinnerns, links die Überholspur der Fantasie und die Wirklichkeit zwischen Pannenstreifen und Gegenfahrbahn - so ließe Modianos Romanwelt sich umschreiben.

Wo aber andere Geisterfahrer des Nichtvergessenkönnens, Italo Calvino etwa oder Klaus Mann, im Lauf der Jahre narrativ freier wurden, wird Patrick Modiano in seinen Büchern autobiografisch immer straffer. Im hier vorliegenden Roman begegnet der Erzähler auf der Suche nach jener Frau, die ihn auf der Place des Pyramides angefahren hat, nachts einem Hund, der ihm durch mehrere Straßen nachläuft und, wie aus der Vergangenheit aufgetaucht, schließlich wieder spurlos verschwindet. Dieser Hund ist ein Neben- und Gegen-Ich unseres Helden. Bestätigt wird das nachträglich in Modianos jüngstem, in Frankreich vor einem Jahr erschienenen, auf Deutsch noch nicht vorliegenden Buch Un pedigree. Mehrere biografische Einzelheiten dieses literarischen Lebenslaufs finden sich auch im Roman Unfall in der Nacht wieder.

Der Erzähler ist ein Privatdetektiv des Innenlebens

Der 1945 geborene Modiano, Sohn eines Juden und einer Flämin, hat seine Biografie nie als literarische Vorlage, noch weniger als realen Erlebnis- und Ereignisfundus benützt. Sie ist ihm vielmehr Fluchtlinie in einer komplexen Spurenlandschaft, die auch in diesem Roman wieder Paris - Ich bin für die Geheimnisse von Paris immer sehr empfänglich gewesen - zum Ereignisrahmen hat. Die Déjà-vu-Erfahrung des nächtlichen Autounfalls weckt die Erinnerung des Kinderunfalls, die Reminiszenz des vor langer Zeit überfahrenen Hunds, und breitet sich in einer Vielzahl von ambivalenten Detailerinnerungen schnell über den ganzen Roman aus. Fremdartige Wortverbindungen - tonlose Stimme, Engadin, Sologne - treiben im Bewusstseinsstrom des Erzählers aneinander vorbei. Patrick Modiano ist ein Privatdetektiv des Innenlebens, der instinktsicher die sich kreuzenden Fährten des Vergangenen aufspürt, bis man nicht mehr weiß, was war, was hätte sein können, was bleibt.

Der junge Mann, der im Roman zeitlos in Hotelzimmern vor sich hin lebt, sich ab und zu mit seinem Vater in Cafés trifft, erfährt den Unfall wie einen willkommenen Schock, der ihn aus seiner Lethargie reißt und ein paar Monate vor seiner Volljährigkeit - Was für ein komischer Zufall - nicht in eine Zukunft, sondern in eine zukunftsfähige Vergangenheit schleudert. Darum, so scheint ihm, muss er die Frau unbedingt wiederfinden, die im wassergrünen Fiat auf der Place des Pyramides am Steuer saß und danach spurlos verschwand.

War nicht sie es, die schon dem am Knöchel verletzten Sechsjährigen unter der Plane des Lieferwagens die Hand gehalten und ihr Gesicht über ihn gebeugt hatte? Gesucht wird ein wassergrüner Fiat, krächzt der Papagei im Stammcafé dann den vom jungen Mann aufgeschnappten Satz bald durchs ganze Stadtviertel am Trocadéro.

Erinnern und Vergessen fließen ineinander wie in einem Traum

Erzählt wird das komplexe Ereignisgefüge dieses Romans aus einer Perspektive, die ferne Vergangenheit, unmittelbare Gegenwart und allerlei Zwischenepochen in einen kunstvollen Zeitnebel taucht. Der Geruch von Äther ist schon aus früheren Büchern Modianos bekannt und wird im Lebensbericht Un pedigree konkret auf die Episode des Kinderunfalls bezogen. In Unfall in der Nacht ist der Äthergeruch die prägende Duftnote des ganzen Romans. Von den beim Erwachen nach der Knöcheloperation durcheinander fließenden Bildern zieht sie sich bis zur rückblickenden Klarheit des Moments, wo im Ätherduft schon für das Kind Erinnerung und Vergessen so ineinander flossen wie ein beim Erwachen verblassender Traum. Dieses im Vergessen aufgehende Erinnern - ein Grundthema bei Modiano - nimmt hier die Form einer nächtlichen Unfallkombinatorik an, vor dem Hintergrund jener Ewigen Wiederkehr, die ein philosophischer Guru dem Erzähler an diversen Pariser Caféhaustischen tagsüber vorträgt. Und nachts wird jene Kombinatorik dann abgeschritten.

Endlos streift der junge Mann als spectateur nocturne durch Paris. Nachts in den Straßen hatte ich das Gefühl, ein zweites Leben zu leben, das spannender war als das andere, oder, ganz einfach, es zu träumen. Das führt jedoch nicht zum romantischen Herumirren, das alle Dinge spukhaft aufbauscht. Hier sind die Dinge auf ihr geringstes Quantum Bedeutsamkeit reduziert, gleichsam auf ihre bloße Leitfunktion im erinnerten Handlungs- und Bewusstseinsstrom.

Dass der junge Mann und die Frau, er mit schmerzendem Knöchel, sie noch mit der Schramme auf der Stirn, am Ende einander doch wiederfinden, weist weniger in eine Zukunft als in jenen Zeitnebel zurück, der immer schon herrschte.

Mir war, als seien wir am selben Ort schon miteinander spazierengegangen, um dieselbe Stunde, in anderen Zeiten. Während des Hochfahrens im Fahrstuhl in die Wohnung der Frau geht dann das Licht im Treppenhaus aus. Selbst der Zeittakt der Treppenhausbeleuchtung ist für dieses Happy End zu knapp bemessen. Im diffusen Nachtlicht herrscht bald wieder der zeitliche Kunstnebel, der alle Ereignisse schluckt, außer den Figuren um den Philosophielehrer, die wir in diesem Roman uns etwas weniger plastisch gewünscht hätten.

Die Beständigkeit, mit der im selben Verlag und seit Jahren nun schon mit derselben Übersetzerin die Werke Patrick Modianos in Deutschland erscheinen, ist ein Glücksfall. Elisabeth Edl hält mit solider Motivkenntnis, feinem Sprachsinn und eleganter Wortpräzision die komplexen Assoziationswirbel des Romans im Fluss. Modiano gehört zu den leiseren, aber wichtigen Stimmen der französischen Gegenwartsliteratur. Hier bleibt sie bis in die letzte Silbe verständlich.

Patrick Modiano: Unfall in der Nacht

Roman - aus dem Französischen von Elisabeth Edl - Hanser Verlag, München 2006 - 143 S., 15,90 e