Es war vor mehr als einem Jahr, als Ludwig Schormann sein Kündigungsschreiben erhielt. Die mittelständische Baufirma, für die er die vergangenen Jahre in Berlin gearbeitet hatte, meldete Insolvenz an. Im Dezember, ein Jahr später, ging Schormann mal wieder zum Arbeitsamt, dieses Mal, um Arbeitslosengeld II zu beantragen.

Er müsse zuerst, erfuhr er dort, seine Lebensversicherung kündigen. Abzüglich Kapitalertragssteuer bot ihm seine Versicherung, die Allianz, 36.170 Euro für seine Police. Zum Glück wies ihn die freundliche Mitarbeiterin im Arbeitsamt darauf hin, dass er seine Police auch auf dem Zweitmarkt für Lebensversicherungen verkaufen könne. So bekam Schormann wenigstens 40.000 Euro, fast elf Prozent mehr als bei der Allianz. Steuerfrei. Und zudem blieb ihm der Todesfallschutz erhalten.

Es sind Schicksale wie das von Ludwig Schormann, von denen die Ankäufer von Lebensversicherungen derzeit vor allem profitieren. Sie locken ausstiegswillige Versicherungsnehmer mit Angeboten, die 7 bis 15 Prozent über den Rückkaufwerten der Versicherungsunternehmen liegen. Steuerfrei, den Todesfallschutz gibt’s gratis dazu. Sie sind allerdings wählerisch, kaufen meist nur gut besparte Policen mit kurzen Restlaufzeiten. Und nicht jedes Angebot ist seriös.

"Der Zweitmarkt ist kein Allheilmittel des Verbraucherschutzes", sagt Lilo Blunck, Geschäftsführerin des Bundes der Versicherten. Der Ankauf von Lebensversicherungen ist ein Geschäftsmodell, das sichere Renditen verspricht. Und "es ist ein Markt, der von Menschen wie Schormann profitiert", sagt Oskar Göcke vom Institut für Versicherungswesen der Fachhochschule Köln.

"In den Zahlen steckt zu viel Optimismus"

"Von den rund 91,5 Millionen Lebensversicherungsverträgen in Deutschland wird jeder zweite vorzeitig gekündigt", so Hans-Peter Schwintkowski, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des BdV. Bei Policen mit 30-jähriger Laufzeit sind es sogar 76 Prozent. Arbeitslosigkeit wie bei Ludwig Schormann ist der häufigste Grund für die Kündigungswelle. Wer aber seine Lebensversicherung vorzeitig kündigt, muss in der Regel mit hohen Abschlägen rechnen. Selbst nach jahrelangem Sparen gibt es oft nur einen Bruchteil der eingezahlten Beiträge zurück. Denn in den ersten Jahren muss der Kunde erst mal die Kosten des Versicherers für Provision und Verwaltung abstottern. Zusätzlich bestrafen die Assekuranzen die Kündigung mit Abschlägen von 2 bis 16 Prozent.

Zwar hat der Bundesgerichtshof im November entschieden, dass dieser Stornoabzug in Zukunft nicht mehr möglich sein soll und dass die Versicherer ihren Kunden künftig einen Mindestrückkaufswert auszahlen müssen. "Bisher startet der Versicherte mit einem negativen Guthaben. Da zukünftig schon in den Anfangsjahren Rückkaufswerte garantiert werden müssen, wird das Policenguthaben über die Laufzeit langsamer steigen, aber erst zum Laufzeitende hin besonders stark", sagt Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein.

Auf die Auszahlung einschließlich der so genannten Schlussüberschussbeteiligung am Ende der Laufzeit einer Lebensversicherung, spekulieren die Policenkäufer. Sie kaufen die gebrauchten Versicherungen zu einem Preis, der über dem Rückkaufswert liegt und bedienen die Police bis zum Ende der Laufzeit. Der Versicherte bekommt zwar mehr Geld als bei der Kündigung, allerdings weniger, als wenn er die Police bis zum Ende der Laufzeit selbst halten würde. Denn die lukrative Überschussbeteiligung am Ende der Laufzeit fließt den Aufkäufern zu. Im Fall Schormann ergibt sich, so die Berechnung von Wissenschaftler Göcke, eine Bruttorendite von 5,4 Prozent für den Käufer. Entscheidend für die Höhe der Rendite ist der Zeitpunkt des Ankaufs. "Je kürzer die Restlaufzeit, desto höher ist in der Regel die Marge", sagt Göcke, "weil die Kosten der Versicherung dann getilgt sind und der Anteil der Schlussleisstung überproportional zunimmt".