In Phoenix wird es von Jahr zu Jahr immer noch heißer. Nicht am Tag, sondern in der Nacht, sagt Redman, »tagsüber war und ist es in der Wüste immer heiß, aber nachts kühlt es immer weniger ab, Sommernächte über dreißig Grad sind die Regel«. Die Leute von seinem Institut versuchen nun in Phoenix gegenzusteuern, indem sie zum Beispiel mit anderen Materialien bauen, die kühlend wirken. Häuser, Straßenbeläge, Einkaufszentren, alles, »es gibt einen Vorschlag, sämtliche Straßen in dieser Stadt neu zu belegen, das kostet natürlich viel Geld, aber vermutlich werden wir es tun«. Er redet von Energiesparmodellen, von erneuerbaren Energien, von modernsten Wassernutzungsverfahren, all das tun sie, in Zusammenarbeit mit Universität, Stadtverwaltung und einigen reichen Bürgern. Redman veranstaltet regelmäßig Abendessen für interessierte Gäste, wie es heißt. Unlängst war sogar der Boss der Handelskette Wal-Mart dabei. Redman schildert die Lage der Welt; die Leute sollen spenden, und viele machen das. Durch Katrina habe sich vieles geändert, sagt er, »durch den Hurrikan hat der eher diffuse Begriff des Klimawandels ein Gesicht bekommen. Amerika beginnt zu verstehen.« Sein Leben nennt er »Leben mit dem Klimawandel«.

Sein Handy läutet. Seine Tochter ist kurz dran, sie studiert in New Orleans Geschichte, ausgerechnet in New Orleans. Sie war nicht in der Stadt, als Katrina kam. Redman wird sie in den nächsten Tagen dort besuchen. Er sagt, er werde oft gefragt, warum er immer so optimistisch wirke, »da antworte ich: Das hat einen einfachen Grund: Wir haben keine andere Wahl. Denn die Erde wird sich in den nächsten Jahren erwärmen, egal, was wir jetzt tun. Wir werden uns auf die Folgen einstellen müssen, und zwar schnell. In New Orleans sind viele Menschen gestorben, das darf nie wieder passieren. Wir brauchen eine völlig neue Kultur des Katastrophenschutzes. Optimismus heißt: überleben wollen.«

Später sitzt der kleine Mister Redman mit dem großen Temperament in seinem Institut. An der Wand hängt eine Weltkarte. »Nur wenn ich da draufschaue, bekomme ich Angst. Schauen Sie, Afrika, längst haben die großen Dürren, Folgen des Klimawandels, für schreckliche Kriege gesorgt, Ruanda, Kongo… oder Bangladesch, irgendwann wird dort die große Flut kommen.« Er zeigt auf immer neue Länder. Alles Sorgengebiete. Er fragt den Reporter, wohin er jetzt als Nächstes reise. »Oh, Gott«, kommentiert Redman, »Cancún. Eine der gefährdetsten Städte überhaupt. Ich kenne keinen Klimaforscher, der auf die Zukunft von Cancún mehr als einen Cent setzen würde.«

Ankunft Cancún. Das Wetter noch ein bisschen besser als in Phoenix, 28 Grad. Es hat mit diesen Temperaturen zu tun, der ewigen Sonne, ideal für Reiseprospekte, dass die mexikanische Küstenstadt Cancún Mitte der achtziger Jahre rund 70000 Einwohner hatte, heute aber mehr als 500000. Grund für die enorme Entwicklung ist eine Entscheidung der mexikanischen Regierung vor rund 20 Jahren, in dieser Gegend auf Tourismus zu setzen. Die Idee hat Norma und Chuck Jahl Glück gebracht. Die beiden waren die Allerersten, die an diesem Küstenabschnitt ein Grundstück kauften und ein Haus darauf bauten. Als sie anfingen, gab es keinen Strom, nur Urwald und Wildnis, auf der einzigen Schotterstraße mussten sie oft anhalten, weil Krokodile im Weg lagen. Hier haben sie geheiratet, am Strand, »ich im Bikini«, wie Norma heute erzählt, 20 Jahre später. Hier haben sie gelebt, direkt am Meer, mit Palmen, Sonne. Chuck ging fischen, das macht er bis heute ein paar Mal die Woche: Raus mit dem Boot. Er hat oft Hummer gefangen, einmal hatte er sogar einen vier Meter langen Hai an der Angel, »ein paar Stunden habe ich mit ihm gekämpft, dann war er weg«. Von seinen allergrößten Fängen gibt es Fotos, eingeklebt in Fotoalben. Und gutes Geld haben sie hier verdient, sie kauften und verkauften Grundstücke, sie verdienten ihr Geld mit neuen Nachbarn, einer nach dem anderen zog ein. Sie richteten es sich in den Häusern ein, die jetzt Ruinen sind, Wilmas Visitenkarte.

Sheraton, Hilton, Hyatt, alle sind an die Küste von Cancún gekommen, alle haben ihre Bettenbunker hochgezogen. Fast alle wurden ramponiert. Herausgerissene Fenster, gebrochene Mauern, Wasserschäden. Die meisten Hotels sind noch ganz oder teilweise geschlossen. Den berühmten weißen Sandstrand, das Markenzeichen vom Urlaubsort Cancún, hat das Meer geholt. Das lässt sich die Ferienindustrie nicht gefallen, das soll korrigiert werden. Riesige, nackte Röhren liegen am Ufer, sie werden den Sand aus dem Meer zurückpumpen an den Strand. Der leuchtend weiße Glücksstreifen: Ohne dieses Panorama könnten all die Touristen ausbleiben, das ist die Angst von Cancún. Allein die Aktion mit den Sandpumpen wird Millionen kosten. Vergebliche Mühe? Alle Prognosen sprechen von neuen, vielleicht noch stärkeren Stürmen. Vielleicht wird ganz Cancún, die Stadt auf Meeresspiegelhöhe, überspült. Deshalb aufgeben? Ausgerechnet hier sollen sich die Menschen vom Traum verabschieden, direkt am Meer zu leben?

Gerade herrschte noch Dürre am Amazonas, jetzt regnet es – zu viel