Chuck sagt, das Gute an Hurrikans sei, sie kämen nicht überraschend, man wisse es spätestens zwei, drei Tage vorher. Die Katastrophe falle nicht einfach vom Himmel so wie damals, als sie sich noch kaum kannten. Vor beinahe dreißig Jahren begegneten sie sich, Norma, die hübsche Mexikanerin, und Chuck, der eigentlich Harald heißt und Münchner ist. Sie beide waren nach dem Abitur jeweils auf Weltreise gegangen und waren sich zufällig in einem Café in Thailand begegnet. Sie saß mit einer Freundin an einem Tisch, er kam herein und fragte, ob da noch was frei sei, »klar setzte ich mich dahin, die beiden waren sehr attraktiv«. Es begann kurz darauf eine kleine Romanze zwischen Norma und ihm, aber nach drei Wochen zogen beide auf ihren geplanten Routen weiter. Doch sie trafen eine Verabredung: In sechs Monaten wollten sie sich wiedersehen, in einem Café in San Francisco. Norma war da zum geplanten Date. Doch Chuck nicht. Na ja, dachte sie. Was sie nicht wusste: Chuck war auch in San Francisco, wollte unbedingt kommen, doch ein paar Tage vorher hatte er einen schweren Autounfall, ein Teenager ohne Führerschein war ihm frontal reingefahren. Schwerstverletzt kam Chuck in die Klinik, sechs Monate musste er bleiben. Ein Bein wurde ihm abgenommen, das andere war schwer lädiert. Durch einen Zufall erfuhr Norma Wochen später doch von dem Unfall. Sie schrieb ihm in die Klinik, es begann ein Briefwechsel. Sie telefonierten. Als er irgendwie konnte, flog er mit Rollstuhl und Krücken nach Mexiko. Das Wiedersehen. Von da an wurden und blieben sie ein Paar. Schicksalsgestählt. Sie werden zurechtkommen, mit Veränderungen jeglicher Art.

Das letzte Bild: Der leicht hinkende Chuck und Norma im weißen Sommerkleid vor ihrem Haus. Die Sonne scheint, das Meer glitzert. Sie dirigieren ein paar Bauarbeiter vor der gebrochenen Mauer. Stahlträger müssen rein, sagt Chuck, »die Mauer hält das nächste Mal«.

Anflug auf Manaus, großartiger Blick, überall blauschwarze Flüsse, die wie Adern im Blutkreislauf aussehen, und ein gewaltiger Strom, ockerfarben, das ist der Amazonas. Bis vor wenigen Wochen herrschte die größte Dürre, die es jemals in diesem Gebiet gegeben hat. Die meisten Flussarme waren ausgetrocknet, Tausende Fische lagen tot im Flussbett neben aufgelaufenen Booten. Luftbrücken wurden eingerichtet, um die Bewohner in den Dörfern mit Nahrung zu versorgen, denn die Flüsse sind hier die einzigen Verbindungswege, rund 30000 Menschen waren von der Außenwelt abgetrennt. Selbst der Amazonas hatte an manchen Stellen einen solch geringen Wasserstand, dass die großen Schiffe nicht mehr fahren durften. Inzwischen hat es viel geregnet, viel zu viel. Jetzt drohen Überschwemmungen. Manche fürchten, diese extremen Wetterlagen seien die ersten Vorboten eines Zusammenbruchs des Ökosystems Amazonas, mit den dramatischen Folgen für das Weltklima. Die Amazonaswälder sind ein gigantischer Speicher von Kohlendioxid, ihr Tod würde bedeuten, dass das Kohlendioxid zurück in die Atmosphäre gespuckt würde, was zusätzlich die Erderwärmung erheblich beschleunigen würde.

Der Amazonas ist der Fluss aller Flüsse, mehr als sechstausend Kilometer lang zieht er sich durch Südamerika, oft mehrere Kilometer breit, der wasserreichste Fluss der Erde. Es gibt in Manaus einen Hafen, Ort des öffentlichen Nahverkehrs: ein zweistöckiges Boot neben dem anderen, man löst ein Ticket, drei Tage dauert die Fahrt in die Urwaldstadt Santarem, fünf Tage nach Venezuela. Oben sind ein paar Kabinen, unten liegen die Fahrgäste in Hängematten, eine neben der anderen. Aus Lautsprechern tönt Sambamusik. Thomas Schweiger, ein früherer Umweltlobbyist in Brüssel, erzählt vom Spaß solcher Fahrten, »das sind Partys, tagelang, ohne Pausen«. Das Amazonasgebiet: der Wald aller Wälder, die grüne Hölle. Nirgendwo anders sind mehr Pflanzen und Tiere, Krokodile, Schlangen, Seekühe, alles. Schweiger hat seit drei Jahren ein eigenes Boot in Manaus. Unlängst ist er beim Schwimmen von einem Piranha gebissen worden. Er erzählt vom Schreien der kleinen Brüllaffen, die nachts draußen im Urwald alle anderen Geräusche übertönen.

Aber die grüne Hölle verliert ihre Farbe, alarmierend schnell. In den letzten Jahrzehnten wurde eine Waldfläche vom Ausmaß ganz Frankreichs abgeholzt. Geschäftemacher wollten manchmal das Holz, aber vor allem brauchten sie Platz für ihre Rinderherden. Die Provinz Mato Grosso beispielsweise ist nahezu kahl gerodet, eine Landschaft voller Steppe. Eigentlich ist der Verkauf von Wald in Brasilien verboten, doch korrupte Gouverneure wollen das Geld. Als Rechtfertigung wird oft gesagt, es gebe Verträge aus früheren Zeiten, alles sei legal. Man datiert die Papiere viele Jahre zurück und dokumentiert das auch äußerlich: Die Verträge kommen in eine Holzschachtel zusammen mit ein paar Grillen, und diese zirpenden Tierchen sorgen schon nach ein paar Tagen dafür, dass die Seiten gelblich werden, gewellt, alt wirken. Man nennt es das »Grillen« von Verträgen.

Jetzt ist es Soja. Sojafrüchte sehen aus wie gelbe, kleine Haselnüsse. Soja ist ein globaler Wachstumsmarkt, die Welt benutzt Soja als Beistoff für alle möglichen Nahrungsmittel, aber vor allem als Kraftfutter für Tiere. Die Welt braucht wieder Platz zum Sojaanbau, für Felder, riesige gelbe Felder. Alle werden fündig in Brasilien. Allein im Jahr 2004 wurde ein Gebiet von 26000 Quadratkilometern weggebrannt, Feuer arbeitet schneller als Kreissägen. Die Täter sind Europäer, besonders Niederländer. Aber im Augenblick sind es in erster Linie Chinesen. Ihr Aufschwung macht sie hungrig, ihre Tiere pumpen sie voll mit Kraftfutter, damit sie schneller wachsen und schnell dick werden. Die Perversion der Globalisierung: Die Chinesen hätten ja selbst genug Land, aber sie suchen sich ein ärmeres, korrupteres Land. Nirgendwo geht es billiger als in Brasilien, und außerdem: Sojafelder sind nach ein paar Jahren ausgelaugt, tot. Die Ruinen hinterlässt man lieber anderswo.