Bauern werden vertrieben, Umweltschützer ermordet

Das Greenpeace-Büro liegt mitten im Zentrum von Manaus. Es ist eine kleine Festung, dicke Betonmauer, Eisentor, Sprechanlage, Wachpersonal. Umweltaktivisten leben gefährlich in Brasilien. Das schmutzige Geschäft mit den Wäldern beruht darauf, dass es im Verborgenen bleibt, in der Zone der Anarchie. Keiner weiß so richtig etwas, schon gar nicht die Behörden, keiner redet. Mindestens ein paar hundert Menschen wurden in den letzten paar Jahren umgebracht, die lautstark auf dieses Unrecht aufmerksam machten. Der spektakulärste Fall war die Ermordung der siebzigjährigen amerikanischen Nonne Dorothy Stang, die trotz aller Warnungen den Irrsinn der gelegten Waldbrände anprangerte. Vor wenigen Tagen erinnerten Weggefährten in einer großen Feier an ihren ersten Todestag. Eine Totenfeier im Amazonas. Manchmal passen Symbole.

Carlos Rittl von Greenpeace legt eine DVD in den Recorder. Sie haben einen Film gedreht über die aktuelle Zerstörung der Wälder in der Nähe von Santarem, dem Zentrum der neuen Sojageschäfte. Viele Bilder, vom Flugzeug aufgenommen: brennende Wälder, kilometerlang ist die Szenerie eingehüllt in dicke Rauchwolken. Bauern erzählen, wie sie gewaltsam vertrieben werden von gewalttätigen Söldnern, Häuser werden über Nacht angezündet. Einer sagt, man habe ihm fünftausend Dollar bezahlt für Grund und Besitz, damit er verschwindet. Heute lebt er in Manaus in einer kleinen Hütte, das Geld ist längst weg. Ein anderer Bauer, noch nicht vertrieben, sagt: »Wir leben mit dem Terror, jeden Tag passieren Anschläge.« Felder, Fabriken, ein illegaler Hafen, der den Abtransport von Soja beschleunigt. Eine einzige Demonstration der kalten, brutalen Macht gegen die Ohnmacht. Rittl sagt, Greenpeace werde in den nächsten Monaten mit verschiedenen Aktionen versuchen, auf die Geschehnisse um Santarem aufmerksam zu machen. Es ist ein Verbrechen, das hier geschieht. Und es ist sogar noch etwas mehr: ein globales Verbrechen im wirklichen Sinn.

Muss man als Klimaforscher depressiv werden? Nein, sagt Philip Fearnside, »Depressionen nützen niemandem, it’s so easy to give up«. Er ist Engländer, die Ökologie des Amazonas ist seit dreißig Jahren sein Spezialgebiet. Er sitzt in seinem winzigen Büro in Manaus. Wie gesagt, eigentlich möchte er keine schlechte Laune machen, aber irgendwann tut er es doch. Er sagt, es gebe seit einigen Jahren sieben Klimamodelle, die prophezeiten, wie es mit dem Weltklima weitergehe. Bislang habe ein einziges Modell den ökologischen Zusammenbruch des Amazonasgebiets angekündigt. Fearnside lacht, »geht ja, eines von sieben«. Doch in den letzten Monaten, aufgrund neuer Studien und verbesserter Computermodelle, hätten sich vier Modelle korrigiert, sie sähen jetzt auch schwarz für den Amazonas, »fünf von sieben. Klingt nicht mehr so gut, oder?«

Arnaldo Carneiro treffen wir auf der Kantinenterrasse seines Instituts, das in einem Park liegt. Auf dem Weg hindurch hat uns einige Meter ein Tier begleitet, etwa so groß wie ein Pudel, aber aussehend wie eine pelzige Ratte. Auch Carneiro ist Klimaforscher. Ein gut aussehender, grauhaariger Mann. Es ist heiß, drückend. Und es regnet, auch warm. Auf dem Tisch krabbeln zwei beachtliche wurmähnliche Lebewesen. Carneiro zeigt auf seinem Laptop verschiedene Grafiken: den Grad der Abholzungen, wie viel bereits zerstört ist. Es ist wie ein Röntgenbild einer Lunge, die von unzählbar vielen Tumoren befallen ist. So sehen die Bilder aus. Ein schwer kranker Patient ist dieses Land, die Weltgemeinschaft müsste voller Sorge ihre besten Ärzte schicken, aber es reisen nur immer neue Giftmischer her.

Dann plötzlich hält Carneiro eine Gegenrede. Wie leicht sich dieses Gebiet erholen könnte, was für Selbstheilungskräfte diese Ökosystem habe. Wenn zum Beispiel mehr Naturschutzgebiete ausgewiesen würden. Wenn die brasilianische Regierung die Bodenpreise in den Waldgebieten dramatisch erhöhen würde, sodass sich ein Kahlschlag nicht mehr lohnte. Wenn. Wenn. Da ist es wieder. The big if.