Mein Besichtigungstempo erregte schon immer Aufsehen. Es ähnelt der Fortbewegungsgeschwindigkeit einer Schnecke. Ich erinnere mich an den Ausruf meines Onkels Eduard in Würzburg: "Rom, ha, dafür brauche ich nur einen halben Tag." Behauptete er von sich. Meine bisherigen Rekorde waren: Die Bronzetüren an der Pforte von San Zeno in Florenz: sechs Stunden. Der gotisch freskierte Kreuzgang am Brixner Dom in Südtirol: zwei Tage. Für eine Stadt wie Speyer brauchte ich länger als drei Tage und sah sie nur halb. Für Bamberg reichten mir nicht einmal fünf. In Weimar habe ich einen neuen persönlichen Rekord für Einzelgebäude aufgestellt. Goethehaus, Frauenplan: vier Tage. Am ersten Tag war ich für die Kassendamen, die Aufseher und Aufseherinnen (es gibt, glaube ich, nur einen Aufseher, ich nenne ihn den Windspielantiquar, ich sage später, warum) … am ersten Tag war ich für die alle ganz normal, am zweiten begrüßten sie mich sehr herzlich und hielten mich für einen Fan, am dritten schauten sie mich eher verstört an, am vierten Tag eigentlich nur noch erschrocken.

Es gibt gewöhnlich zwei Arten der Goethe-in-Weimar-Besucher. Erstens Leute, die entweder sehr viel oder überhaupt gar keine Ahnung von Goethe haben und sich in totaler Hingebung an das Maximalgenie aalen. Hier schritt er, hier saß er, hier mit Schiller, hier mit seiner Frau Christiane und so weiter. Und das Arbeitszimmer, heilige Sphäre, unberührt seit 173 Jahren, wo er all die ewigen Werke…

Wenn diese Leute Goethe näher kennen, lachen sie gern über den Mützenschirm, der über dem Sessel hängt, in dem er starb. Goethe benutzte ihn oft, diesen Mützenschirm, und er hängt an dem Ort, an dem der alte Meister just ausgerufen haben soll, er wolle mehr Licht (hessisch: Lischt). Wer das weiß, lacht und zeigt so Kenntnis. "Erst lischt er hier (im Bett), und da (im Stuhl) erlischt er dann." Haha. Man sollte im Sterbezimmer Goethes ein permanentes Band aufnehmen lassen von allem, was da gesprochen wird.

Die andere Art der Besucher: die Totalverspotter, übrigens meist Halbkundige. Da heißt es dann: Von wegen Olympier, fett sei er gewesen, verfressen, soff wie ein Loch, nervte alle mit seinen andauernden Privatvorträgen, ging nicht mal auf die Beerdigung seiner Frau, hielt sich für den Größten, zeigte allen dauernd seine Steine, machte stundenlange Ausführungen zu irgendwelchen Kopien, die er aus Rom mitgebracht hatte, nervte überhaupt dauernd rum mit seinem Italien…

Beides sind Methoden der Ablenkung. Ich habe oft beobachtet, dass Leute irgendwohin reisen, sich dann vor die "zu besichtigenden" Dinge stellen und sofort nach Ablenkung suchen. (A: "Warst du schon im Goethehaus?" B: "Ja, aber der war nicht mal auf der Beerdigung seiner Frau, ist doch komisch.") Ein Fluchtverhalten, das man besonders oft in Museen beobachten kann. Im Goethehaus am Frauenplan gibt es die vielseitigsten Strategien der Selbstablenkung ("Guck mal, Erwin, da steht ein Hund, ist das Goethe seiner?").

Goethe für die, die Zeit haben: In diesem Fall ist immer ein Rundgang ohne Führung zu empfehlen, um sich vorab bewusst zu machen, dass man durch ein wirklich eigenartiges Gebäude läuft und eigentlich erst einmal nichts von alldem, was hier besichtigt werden soll, versteht. (Reisen Sie nicht für einen oder zwei Tage nach Weimar! Das können Sie sich sparen, kaufen Sie dann lieber eine Weimar-DVD und verursachen Sie keinen Verkehr.)

Man betritt das Haus durch das rechter Hand angebaute Museum, wird durch eine automatische Drehschranke geleitet (die derzeit kaputt ist, man wird einfach durchgewinkt), dann folgt ein Hof, ziemlich schmal, Türen nach hier und da. Dass der Hof von einem brückenartigen Gebäudeteil überspannt ist, wird einem, wenn man es nicht weiß, wahrscheinlich nicht bewusst (später wird man erfahren: Das ist das so genannte Brückenzimmer). Mit Tesa aufgeklebte DIN-A4-Blätter leiten den Besucher im Hof: "Eingang Wohnhaus"; "Ausgang. Exit. Sortie" (das einzige dreisprachige Schild); "Kein Durchgang"; "Goethes Reisewagen".

Drinnen ist ein kleiner Vorraum, linker Hand geht’s zur Treppe. Ein schöner, grüner Raum, die Treppe ist ziemlich flach, einige Büsten stehen da, ein Hund (!), Bilder an der Wand. Die Treppe steigt über vier flache Segmente empor, oben ist ein Gemälde an der Wand, Frau mit Regenbogen, eine Iris. Goethe, Farbenlehre, denkt man. Oben kommt ein gelber Raum mit großen Büstenköpfen, Tisch in der Mitte, ein halber Tizian an der Wand (ich kenne dieses Gemälde, aber natürlich fällt mir der Titel nicht ein, es ist ganz berühmt: Zwei Frauenfiguren, nebeneinander sitzend, eine nackt, die andere bekleidet, bei Goethe sieht man nur die nackte). Dann geht man den Pfeilen nach weiter, kommt an einigen antiken Statuen (das heißt Gipskopien) vorbei, merkt nicht, dass man gerade das Brückenzimmer passiert, kommt zum Garten, überall hängen Bilder, stehen Stühle, Schränke, dann läuft man über Stufen, Zimmer um Zimmer folgt, dann läuft man wieder über Treppen, kommt wieder am Gelben Saal vorbei, steht plötzlich vor einer derart riesengroßen Frauenbüste, dass man schier erschrickt, und mit einem Mal steht man in dieser berühmten Zimmerflucht, die man oft auf Fotografien des Goethehauses sieht: Man schaut durch fünf Türen hindurch und erkennt plötzlich, dass die Farben der einzelnen Räume die ganze Farbpalette von Grün über Gelb und Rot bis Blau bilden (Iris, Farbenlehre, denkt man).