Deutsche Ferne Helgoland. Ein einziges Schiff geht zur winterlichen Insel. Viermal pro Woche verkehrt, von Cuxhaven, die Funny Girl des Altreeders Cassen Eils. 82 Jahre ist Eils und fährt noch selbst, ein Käpt’n Ahab der Deutschen Bucht, allzeit getreu seinem sturmfesten Motto: Die andern Pappschachteln liegen am Pier, mein Schiff kennt keinen Wetterbericht. Vorerst schwankt es erträglich, bis am Elbende, beim Großen Vogelsand, die üble Stunde beginnt. Der Himmel graut ins Schwarz, es grünt der Passagier. Von Brechern überspült, stampft das Girl höchst unfunny durchs aufgestürmte Element. Am friedlichsten reist man im Schaukelpunkt, mittschiffs unten, beruhigt auch vom friesischen Palaver der Besatzung. Da, jetzt reißt der Himmel auf. Das Meer ergleißt, am taumelnden Horizont schimmert die Düne. Land in Sicht!

Land? Helgoland scheint selbst ein Schiff, zwei Quadratkilometer roter Sandstein, die 60 Kilometer vor der Küste in der Hochsee ankern. Fuselfelsen, Duty-free-Dorado – man kennt die Klischees. Im Sommer entern Helgoland täglich Tausende von Kurzbesuchern, die den Dauerbadegast über den Sund zur Düne treiben, bis am späten Nachmittag die Invasion der Eintagsfliegen endet. Jetzt aber ruht das Dorf im Winterlicht, gestaffelt in Unter- und Oberland. Viele Hotels und Geschäfte sind bis Mitte März geschlossen. Die bunten Hummerbuden träumen. Züchtige Häuslein blicken still aufs Meer, rechtwinklige Gassen rahmen den Friedhof und St. Nicolai. Dahinter das wenige Land, 60 Meter überm Ozean. Hart am Abgrund läuft der Weg zum Lummenfelsen, auf dem im Frühjahr die Seevögel brüten, und zur Langen Anna, dem umbrandeten Nordkap. Kein Baum, kein Mensch. Der ewige Wind jachtert und zerrt, aber leg dich in eine der Mulden, da hörst du Amseln und wisperndes Gras. Groß ist der Frieden von Helgoland.

Allgegenwärtig ist der Krieg. Die Mulden sind Bombenkrater, der Leuchtturm barg im Zweiten Weltkrieg eine Flak. 14 Kilometer Bunkertunnel höhlten den Fels. Nachdem Wilhelm II. die Insel 1890 aus britischer Hoheit übernommen hatte, im Tausch gegen Kolonialansprüche auf Sansibar, baute er Helgoland zur Seefestung aus. Nach 1918 wurden die Anlagen auf Geheiß der Siegermächte teildemontiert, bevor Hitlers gigantomanisches Projekt "Hummerschere" begann, Helgoland zum größten eisfreien Kriegshafen der Welt hochzurüsten. Deutschland war Helgolands Unglück, lapidar bedichtet vom Insulaner James Krüss:

Ach es ist das Militär
Nichts Erfreuliches auf Erden.
Diese Riesen-Feuerwehr
Kann oft selbst zum Brandherd werden.

Am Mittag des 18. April 1945 bombardierte die Royal Air Force Helgoland mit 961 Maschinen. 128 Menschen starben, die meisten jugendliche Flak-Helfer, dazu 14 Helgoländer, die nicht im Bunker waren. Wir hörten ständig Drahtfunk, erzählt Erni Rickmers, die Schwester von James Krüss. Anton Quelle 2 war unser Planquadrat, wir lagen ja in der Anflugschneise, fast wohnten wir schon im Bunker. Am 18. April gab es mittags wieder Alarm. Mein Großvater sagte: Lauft vor, ich hol noch schnell die Schollen vom Feuer, die sind gerade durchgebraten. Die Schwiegertochter ging mit ihm. Ein Volltreffer, wir fanden keine Spur mehr von den beiden.

Frau Rickmers holt frischen Kaffee. Aus Kisten und Regalen fördert sie Lebenszeugnisse ihres Bruders. Krüss, der Kinderfreund, Simplicius und Hasser des Kriegs. Das eben macht die Dummheit so fatal: Wer kein Gehirn hat, hat trotzdem Moral . Schon als Kind, sagt seine Schwester, schrieb James Romane in Oktavhefte. Blutige Geschichten, Dutzende von Toten, unsere Mutter las das ihren Freundinnen vor, ich höre noch das Gelächter. – Ein Lächeln ist in Erni Rickmers Reden, eine stille Gelassenheit. Wir Helgoländer lachen über unseren Kummer, sagt sie, wir nehmen es, wie’s kommt.

Alt-Helgoland war dahin. Die Wüstung dokumentierte der greise Franz Schensky, Helgolands berühmter Fotograf, der die Welt von gestern festgehalten hat, mit Bräuchen, Gebäuden und den gleichmütigen Gesichtern eines naturergebenen Volks. Der Krieg war aus, die Insel zu räumen. Die Engländer füllten die Militärkatakomben mit 6700 Tonnen Sprengstoff und zündeten am 18. April 1947, am zweiten Jahrestag des Bombardements, vom Schiff aus die größte nichtnukleare Explosion der Menschheitsgeschichte. Nie wieder sollte Deutschlands Vorposten Britannien bedrohen. Helgolands weicher Stein absorbierte die Detonation, aber das Südkap verschwand im Meer. Das unterhöhlte Süderende sackte weg, das Mittelland entstand. Fortan diente der ramponierte Felsen britischen Bombern als Übungsziel. Erhalten blieben die Zivilbunker in 18 Meter Tiefe. Die fahl beleuchteten Kavernen kann man bis heute begehen.

Frau Rickmers, hatten Sie einen Hass auf die Engländer? Nein, sagt sie, dann müssten die uns ja genauso hassen, wegen Coventry und alledem. Du Brit! ist hier immer noch ein Schimpfwort, sagt Frank Botter, Helgolands wuchtiger Bürgermeister. Kriegstreiber sind nicht die Völker, sondern immer die Politiker, sagt Erni Rickmers.

Der Helgoländer ist erst mal Helgoländer, und dann ist er Friese