Das Ereignis der Woche spielt sich an mehreren Orten zugleich ab. In Flugzeugen auf interkontinentalem Kurs. Auf dem schneegestörten Flughafen Frankfurt. In den Außenministerien von London, Paris und Berlin. Im Büro von Condoleezza Rice. Und in Wiener Cafés, Hotels, Restaurants. Anspannung zeigt sich, jede Wendung der Geschehnisse wird blitzschnell von allen Beteiligten wahrgenommen, weltweit, dank SMS. Und es geht um viel: Eskaliert der Iran-Konflikt? Fällt die taktische Formation aus Amerika, Europa, Russland und China gegenüber Iran wieder auseinander? Zerstören die USA durch Verträge mit Indien den Atomwaffensperrvertrag?

Nur im Zentrum bleibt es ruhig. Über die Bildschirme, die allenthalben im Wiener Gebäudekomplex der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) angebracht sind, rollen die Terminhinweise: Da wird eine Tagung zum Thema Aids abgehalten, eine andere befasst sich mit Wissensmanagement in Afrika.

Im Übrigen tagen die Vertreter der IAEA-Mitgliedsstaaten, die "Gouverneure". Ihre für den Montag dieser Woche anberaumte Sitzung wird wie gewohnt verlängert, vielleicht bis Mittwochnachmittag, mal sehen, es ist viel zu bereden, zum Beispiel die internationale Zusammenarbeit auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Will alles abgearbeitet werden. Warum diese Gemächlichkeit? Um Zeit zu gewinnen, damit an den anderen Orten, außerhalb des orangeroten Runds im vierten Stock des IAEA-Zentralgebäudes, über das iranische Dossier weiterverhandelt werden kann.

Am Montagabend verbreitet der Behördenchef Mohamed ElBaradei Optimismus. Denn am Wochenende hatte sich ein Kompromiss über die Anreicherung von Uran abgezeichnet; diese Technik ist der Zankapfel, weil sie sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken dienen kann.

Ein Kompromiss war möglich. Die USA haben ihn verhindert

Im Gespräch war folgende, von den Russen vorgetragene Abmachung: Als vertrauensbildende Maßnahme friert Iran für die Dauer weiterer Verhandlungen jegliche Anreicherung ein und lässt ab sofort wieder verschärfte IAEA-Inspektionen zu (das so genannte "erweiterte Protokoll"). Russland wiederum produziert unter dem Dach eines Joint Ventures leicht angereichertes Uran für iranische Kernkraftwerke, mit Liefergarantie. Solange dies geschieht – gedacht wurde an einen vorläufig verabredeten Zeitraum von mehreren Jahren –, verzichtet Iran auf Anreicherung im eigenen Land, mit einer Ausnahme: Seinen Ingenieuren wird zugestanden, mit einer Kaskade von 20 Uranzentrifugen zu experimentieren, allerdings nur in dem Maße, in dem die IAEA dies zulässt und kontrollieren kann.

Auf diesen letzten Punkt kam es an. Teheran hatte sich auf die Anreicherung im eigenen Land kapriziert. In den vergangenen Tagen mobilisierte das Regime wieder einmal die Massen für seinen nationalen Nuklearfetisch; man bildete Menschenketten um Atomanlagen, doch in durchaus anderer Absicht als hierzulande üblich: Sie symbolisierten menschliche Schutzschilde. Die Urananreicherung ist, merkwürdig genug, zum Nationalsymbol geworden. Das ist kein harmlos zu nennender Irrsinn, indes lässt sich die Produktion von nur 20 Zentrifugen schwerlich als ein Sicherheitsrisiko bewerten; die umstrittene Anlage in Natanz ist für 50000 dieser Geräte ausgelegt. Auch die Betriebserfahrung mit einem dermaßen kleinen Aggregat ist nicht so bedeutend, dass man sie den Iranern um jeden Preis vorenthalten muss. Wer das anders sieht, müsste sich ebenfalls den Vorwurf des Atomfetischismus vorhalten lassen.