Altkanzler Helmut Kohl ist noch für manche Überraschung gut: Das alte Schlachtross (Kohl über Kohl) unterstützt im jetzt schärfer werdenden italienischen Wahlkampf den Spitzenkandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten, Romano Prodi - und damit die Vereinigte Linke (inklusive der kommunistischen Splittergruppe Rifondazione comunista). Damit ergreift Kohl Partei gegen Silvio Berlusconi, dessen Forza Italia seit 1998 der christdemokratischen Parteienfamilie, der Europäischen Volkspartei (EVP), angehört. Warum unterstützt er die Linke und nicht den Partner Merkels in Italien?

Kohl war zwar immer gerne Wahlkämpfer. Das allein aber kann es nicht sein.

Altersverwirrtheit oder Kalkül - das ist die Frage. Kohl wehrt alle Fragen mit dem Hinweis auf seine Freundschaft zu Prodi ab. Pikant ist die Tatsache, dass sich Kohl zu einem Zeitpunkt für die Linke in Italien engagiert, an dem sich die Europäische Volkspartei (EVP) anschickt, in Rom ihr 30-jähriges Jubiläum zu feiern. Es mag zwar wegen der Unbeliebtheit Silvio Berlusconis in Deutschland populär sein, für dessen Gegner Wahlkampf zu machen. Doch aus parteipolitischer Sicht muss Kohls Entscheidung erstaunen und dürfte seine Nach-Nachfolgerin im Parteivorsitz und Kanzleramt wenig erfreuen. Sicher: Die Aufnahme der Forza Italia in die EVP war umstritten, zumal die Forza stark auf die Person ihres Gründers ausgerichtet ist und ihre christdemokratische Identität lange bezweifelt wurde. Doch ist das Engagement eines nach wie vor geachteten deutschen Christdemokraten gegen ein EVP-Mitglied nicht nur in Italien ein Politikum - und war mit Merkel nicht abgesprochen.

Es gibt eine Neigung alter Männer, frühere Weggefährten ohne Rücksicht auf die Folgen weiter zu unterstützen. Und Kohl pflegte immer mit Persönlichkeiten der politischen Linken freundschaftliche Verhältnisse, etwa mit François Mitterrand oder Felipe Gonzáles. Damit tröstete er sich regelmäßig über die Verachtung der linken Intellektuellen in Deutschland gegenüber seiner Person hinweg. Dass Kohl sich jetzt für die Linke in Italien engagiert, hat aber eine tiefere Ursache: Je mehr er sich aufgrund einer solchen Unterstützungsaktion indirekt (oder aus Merkels und Berlusconis Sicht) direkt mit der Linken verbündet, desto stärker feilt er an seinem Geschichtsbild. Aus diesem Grunde kommt ihm die Einladung aus Italien gerade recht: Wenn er nämlich von der Linken als Unterstützer gerufen wird, sieht er darin eine Möglichkeit, die von ihm zu verantwortende Spendenaffäre seiner Partei vergessen zu machen. Die italienische Linke hilft ihm bei seinen Rehabilitationsbemühungen, so sein Kalkül.

Kohl, der unermüdlich daran arbeitet, die Erinnerung an diesen Spendenskandal verblassen zu lassen, nimmt das in Kauf, was von der CDU-Vorsitzenden als Verrat an der europäischen Parteienfamilie angesehen werden muss. Er hat sich aber mit der illoyalen Aktion die insgeheim von ihm ersehnte Rückkehr zum Ehrenvorsitz der CDU möglicherweise endgültig verbaut. Merkel dürfte nämlich etwas haben, was man auch Kohl zu Recht zuspricht: ein langes Gedächtnis.

Gerd Langguth war Bundestagsabgeordneter der CDU. Er lehrt Politische Wissenschaften an der Universität Bonn und hat zuletzt eine Biografie über Angela Merkel geschrieben