Bei Meyer fällt die historische Wende mit einer lebensgeschichtlichen zusammen. Damit fasst er die Überlagerung von zwei dramatischen Übergängen ins Auge: den Wechsel von der DDR-Kindheit in die BRD-Jugend und zugleich das Hinüberstolpern aus dem Kiez pubertären Aufruhrs in die Regionen der Strafmündigkeit. Für die Jungs ist klar, wo sie herkommen, doch für kurze Zeit scheint völlig offen, wo es hingeht. Vor kurzem waren sie noch junge Pioniere, straff geführt und gehalten vom Regiment der Schule und der sozialistischen Erziehung. Dennoch hatte die soziale Kontrolle ihre weichen Kanten und ließ Raum für die Abenteuer der Kindheit unter dem Schirm des gesellschaftlichen Auftrags: Genosse sein heißt Kämpfer sein .

Nachdem die Vergatterung zum Genossen weggefallen war, blieben die Kämpfer übrig, desorientiert in einer Landschaft mit verwischten Konturen. Verwandelt von DDR-Pionieren zu BRD-Halbstarken, wurden sie zu Kämpfern in eigener Sache, Kämpfer ums Erwachsenwerden, ums Revier, um das Reinkommen in die Gesellschaft. Der Horizont des eigenen Stadtteils ist eng, das Leipziger Zentrum weit und fremd, ein paar Straßen weiter herrschen schon die Feinde, die brutalen rechten "Glatzen" und die zugänglicheren linken "Zecken". Für Danie und seine Freunde ist Politik kein Thema. Sie haben alle Hände voll zu tun mit der Beschaffung von Leipziger Premium Pils direkt über die Mauer der Brauerei, mit Geschwindigkeitsräuschen in geknackten Autos und mit Gegenwehr.

Rico versucht als Boxer mit seiner Schlagkraft Karriere zu machen und fällt doch wieder ins Zwielicht der Straßenkeilerei zurück. Die erzählerische Überschneidung des Fernsehboxkampfes Maske gegen Rocchigiani mit Ricos entscheidender, natürlich ungerechter Niederlage macht atemberaubend deutlich, dass Meyer sogar in dem quasi amerikanischen Genre der Boxergeschichte glänzend mithalten kann.

Andere Orte dieser Zwischenwelt, an denen die reifen Kinder und unreifen Männer ihre explosive Widersprüchlichkeit austoben, sind selbstredend die Jugendhaftanstalt, das Krankenhaus, eine Strip-Bar oder ein Swingerclub, wo Rico vor Haftantritt noch ein wenig Erlebnisstoff bunkern will. Ein erträgliches Zuhause hat keiner. Was nicht heißt, dass es da nicht auch mal was zum Lachen gäbe. Als Danies Vater, nachdem er sich an Polizisten vergriffen hat, von der Bildfläche verschwunden ist, erzählt die Mutter im Viertel: "Unser Vater ist zur Weiterbildung".

"Bei dem, was wir taten, war eine Art Verlorenheit in uns"

Meyer arbeitet kaum mit Symbolen und Metaphern. Allein das halb abgebrannte Palast-Theater ist in diesem ganzen Übergangsbrachland ein stark symbolisch besetzter Ort. Einst war das "unser schönes altes Kino", dann wurde die Ruine zum Versteck für die Saufgelage der Gang. Eines Tages fand Danie seinen Freund Mark dort vor der Leinwand so leblos hingestreckt, dass er sich gleich in einen Old-Surehand-Film zurückträumen musste. Ein besserer Traum war der selbst organisierte Technoclub in einer alten Fabrik, doch den machten die Drogen kaputt. Irgendwann zerbricht den jungen Kämpfern alles unter den Händen.