Du bist sie eine Zeit lang jedes Wochenende gefahren, die Bahnstrecke zwischen Bonn und Mannheim, zwei-, dreihundert Kilometer Schienenstrang in Ufernähe, mit Blick auf den unwiderruflich dahinströmenden Rhein. Du kanntest bald jeden Tunnel, jede Biegung, jede Baustelle auf dem Weg und hast es vermieden, am Fenster zum Fluss zu sitzen, um nicht ständig hinausstarren zu müssen auf das unverwüstliche Deutschland-Klischee: liebliche Weinberge im Wechsel mit schroffen, wildromantischen Felsen, Winzerdörfer, mittelalterliche Burgen, Ausflugsdampfer mit bunten Fähnchen und Dauerbeschallung zwischen Schleppern, Fähren, Frachtverkehr. Du hast nicht einmal mehr den Kopf gehoben, während um dich herum fernöstliche Reisegruppen aus den Fenstern des Großraumabteils um die Wette fotografierten. Du hast dir jeden Kommentar verkniffen, wenn im Speisewagen ein Rentnerpärchen aus Brunsbüttel mit der Videokamera auf den Fluss hielt, obwohl du mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen konntest, wann sie in ihre reflexartigen Ohs und Ahs ausbrechen würden. Und du hättest den Kurzdialog soufflieren können, der sich bei Rheinkilometer 554 zwangsläufig einstellte: Blick rheinaufwärts vom Werlauer Pilz aus über St.Goar BILD

Er: Da, Schatz, die Loreley.
Sie: Wo denn?
Er: Na, da! Der Felsen da.
Sie: Das soll die Loreley sein?
Er: Ei, guck, da steht’s doch. Lo-re-ley.
Sie: Ach nee…
Er: Ja, was dachtest du denn?
(Schweigen, Tunnel, Dunkel.)

Natürlich erwarteten sie alle eine Loreley der Superlative, einen dramatischen Schauplatz, gezeichnet von den Spuren seiner schaurig-schönen Vergangenheit, jeder Stein ein stummer Zeuge des Schicksals, voller Geschichte und Geschichten über Leben, Liebe und Tod. Auch du hattest dir früher einmal unter der Loreley etwas Spektakuläres vorgestellt: einen alles überragenden Felsen, eine bedrohlich zerklüftete Rheinenge oder zumindest eine gefährliche, von Stromschnellen und Untiefen brodelnde Flussbiegung.

In Wirklichkeit erhebt sich der Felsen der Lore 125 Meter über den Rhein und ist damit für den Bahnreisenden nur unmerklich höher als die steil abfallenden Rebenhänge drumherum und die von Klippen gespickte Uferlandschaft des Rheintals zwischen Koblenz und Bingen. Für den Nichtbinnenschiffer im Intercity, der vom Mäandern mit dem Fluss bereits eine latente Reiseübelkeit verspürt, ist die Gefährlichkeit ausgerechnet dieser Biegung mit bloßem Auge nicht erkennbar. 113 Meter breit ist der Rhein an der Stelle, wo er zu Füßen des sagenhaften Felsens seinen berüchtigten Haken schlägt. Er gleicht also keineswegs einem Wildwasserbach, sondern misst nur ein paar tückische Meter weniger als die Flussschlaufen davor und danach.

Die Loreley ist kein Superlativ, sondern ein Komparativ. Sie ist ein bisschen höher, ein bisschen steiler, ein bisschen gefährlicher als die Klippen und Kurven auf dem Rest der Strecke. Von daher birgt sie für jeden Fahrgast, der sich in Erwartung eines touristischen Highlights die Nase am Abteilfenster platt drückt, eine Enttäuschung. Die Sensation Loreley findet nicht statt. Die Landschaft ist der Star.

Du erinnerst dich noch gut an das erste Mal, als du diese Strecke gefahren bist. Du hattest den Sommer über Sprachkurse in Aix-en-Provence belegt und warst mehrere Wochen kreuz und quer durch Südfrankreich getrampt, verdorrte Felder und Wiesen, staubige Straßen in flirrender Hitze, silberblaue Lichtspiegelungen auf dem Asphalt. Näher bist du dem Wasser in jenen Wochen nicht gekommen. Nie hättest du dir träumen lassen, dass du einmal so etwas verspüren würdest wie Heimweh nach einem Regentag.