Ohne den "Rauchminister" würden die Tage im "Teen Spirit Island" mit Verzögerung beginnen. Jeden Morgen hat einer der zwölf Patienten die Aufgabe, die anderen um sieben Uhr aus dem Bett zu treiben. Erst wenn alle auf den Beinen sind, verteilt der Rauchminister die Zigaretten: genau zwölf Stück pro Raucher. "Die Tabakschmacht führt zu enormem Gruppendruck, der viel besser wirkt als ermahnende Worte von uns", sagt Christoph Möller, Leiter dieser Einrichtung für suchtkranke Jugendliche in Hannover. Mit seiner ruhigen Stimme und dem Pferdeschwanz macht der Kinder- und Jugendpsychiater keinen besonders strengen Eindruck. Doch wenn es um die Verhaltensregeln im Teen Spirit Island geht, ist er knallhart: "Sonst läuft hier alles aus dem Ruder."

Viele drogenabhängige Jugendliche haben damit zu kämpfen, dass ihr Leben weitgehend strukturlos abläuft. Das gilt besonders für chronische Kiffer – und auf die hat sich das Teen Spirit Island spezialisiert. "Die Risiken des Konsums von Cannabis-Produkten werden in unserer Gesellschaft verharmlost", sagt Möller. Manche Eltern würden sich romantisch verklärt an ihre eigenen Erfahrungen mit Marihuana erinnern und dann augenzwinkernd ihre Kinder gewähren lassen. Doch das Suchtpotenzial dieser Droge ist deutlich gestiegen. Durch neue Hanf-Züchtungen besteht heute eine drei- bis fünffach höhere Konzentration des Wirkstoffs THC als zu früheren Hippie-Zeiten. Die Droge macht deshalb viel schneller abhängig und schadet der psychischen Entwicklung Jugendlicher. Studien warnen, dass eine Sucht – in die bis zu sieben Prozent der Konsumenten geraten – gravierende Auswirkungen auf das Gefühlsleben, die Lernfähigkeit und das soziale Verhalten hat.

Mehr als 20 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben, glaubt man einer Erhebung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, innerhalb der vergangenen zwölf Monate gekifft. Der Cannabiskonsum bei Jugendlichen hat sich in den vergangenen zehn Jahren etwa verdoppelt. Für die meisten ist Cannabis nur ein vorübergehendes Abenteuer. Doch einige versinken im so genannten Amotivationalen Syndrom: Die Droge wird zum Mittelpunkt ihres Handelns, das Interesse an Schule, Freunden und selbst der eigenen Körperpflege geht verloren.

Auf solche Fälle konzentriert sich Christoph Möller mit seinem Therapieangebot. Das Hannoveraner Modell, das 1999 auf Anregung der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kinderkrankenhaus auf der Bult und durch viele private Spenden entstand, ist bundesweit einzigartig: Es verzahnt den Erstkontakt in der Drogenberatungsstelle mit dem stationären Aufenthalt im Teen Spirit Island und der Nachsorge, inklusive Unterbringung in einer Jugendwohngruppe. Den Namen Teen Spirit Island erfanden übrigens Jugendliche – sie ließen sich dabei von einem Nirwana-Song inspirieren.

Idealerweise begleitet ein und derselbe Therapeut seine Patienten vom Erstkontakt bis zur Nachsorge, weil so eine stärkere Bindung entsteht – und die ist für den Behandlungserfolg entscheidend. Konkrete Zahlen darüber kann Christoph Möller zwar noch nicht vorlegen, da eine wissenschaftliche Untersuchung erst in einigen Monaten abgeschlossen sein wird. Vorergebnisse zeigen allerdings, dass sich rund die Hälfte der Patienten von ihrer Drogenabhängigkeit befreien kann.

Der Erfolg steigt, wenn die Patienten wirklich mitmachen wollen. Was aber, wenn sie von vornherein abblocken? Drogensüchtige Jugendliche merken in der Regel gar nicht mehr, wie sehr sie bereits die Kontrolle über ihren Alltag verloren haben. Eine Behandlung ist aus ihrer Sicht völlig unnötig. "Erst nachdem die Patienten clean sind, können sie ihre Situation anders einschätzen", sagt Christoph Möller. Deshalb sei in manchen Fällen eine Zwangseinweisung auf eine geschlossene Station zur Entgiftung sinnvoll, damit die Therapie überhaupt eine Chance bekommt.