Es war Montag, der 18. Juli 2005, und Joan Miller absolvierte einen kurzen, aber triumphalen Auftritt. In präzise sieben Minuten, zwischen 12.41 und 12.48 Uhr, präsentierte die Augenärztin vom Massachusetts Eye and Ear Infirmary (MEEI) der Harvard University vor Fachkollegen ihren aktuellen Forschungsbericht. Der schlug nur deswegen nicht wie eine Bombe ein, weil die meisten der versammelten Augenheilkundler ihn bereits vom Hörensagen kannten. © Manfred W. Jürgens BILD

Millers Botschaft bei der Tagung der amerikanischen Netzhautspezialisten im Queen Elizabeth Hotel in Montreal betraf eine Augenerkrankung, bei der von Heilung oder auch nur Besserung bislang keine Rede sein konnte: die altersabhängige Makuladegeneration (AMD). Nach überaus erfolgreichen klinischen Tests mit einem neuartigen Medikament, verkündete Miller, könne das zur Erblindung führende Netzhautleiden jetzt in vielen Fällen gestoppt, die Sehfähigkeit der von Blindheit Bedrohten sogar gebessert werden.

Hilflos müssen die Augenärzte seit Jahrzehnten mitansehen, wie die Erkrankung ihren Patienten die Sehkraft raubt. Die Fachgesellschaften rechnen mit 30 Millionen AMD-Patienten in den Industrienationen. Auch in Deutschland hat das Leiden epidemische Dimensionen erreicht. »Jeder zweite Patient in meiner Sprechstunde leidet unter AMD«, sagt Karl Ulrich Bartz-Schmidt, Ärztlicher Direktor an der Universitäts-Augenklinik in Tübingen. Insgesamt dürften 4,5 Millionen Bundesbürger betroffen sein. Weil der Verlust der Sehschärfe in der Regel erst jenseits des sechzigsten Lebensjahres eintritt – obwohl der Krankheitsprozess weit früher beginnt –, wird die Häufigkeit der Erkrankung in den alternden Industriegesellschaften drastisch zunehmen.

Das Leiden verschont zwar die peripheren Bereiche der Netzhaut, zerstört aber just deren zentrales Areal mit der Stelle des schärfsten Sehens (der Makula). Am Ende des Krankheitsverlaufs steht der totale Ausfall des Sehsinns in der Mitte des Gesichtsfelds. Die Kranken erkennen Gesichter nicht mehr, sie können nicht mehr lesen, Auto fahren oder fernsehen.

Die Ursachen des Massenleidens waren bis dato weithin rätselhaft. Raucher sind besonders gefährdet, generell steigt das Risiko mit dem Alter: Jenseits der 65 leidet jeder vierte Deutsche an AMD in unterschiedlichen Stadien. Fünf Prozent der über 75-Jährigen sieht »mit dem Zweiten auch nicht besser« (Münchner Medizinische Wochenschrift) – bei ihnen ist die Erkrankung bis zur gesetzlich anerkannten Blindheit fortgeschritten. Mit der photodynamischen Therapie (PDT, einer laserverstärkten fotochemischen Behandlung), Kortisonpräparaten oder chirurgischen Maßnahmen können Augenärzte den Verfall der Sehkraft lediglich verzögern und Komplikationen behandeln – und auch das nur bei einigen Patienten.

Mit dieser Hilflosigkeit werde nun Schluss sein, verkündete die Netzhautexpertin Miller bei dem Kongress in Montreal. Nach jahrzehntelangen Forschungsanstrengungen meldet die Augenheilkunde echte Fortschritte in der Therapie solcher bislang unheilbarer Netzhautkrankheiten. »Erstmals können wir vielen Patienten sagen: Sie haben eine Chance, wieder besser zu sehen«, sagt der Münsteraner Augenarzt Daniel Pauleikoff. Die Formen der AMD im Überblick© ZEIT-Grafik BILD

Unter Joan Millers Leitung hatten Fachkollegen in 97 US-Kliniken das Medikament Lucentis des kalifornischen Pharmaunternehmens Genentech an 716 Patienten mit einer besonders bösartigen Form der Krankheit (feuchte AMD) getestet – und erzielten, angesichts der bislang trostlosen Therapieaussichten, verheißungsvolle Resultate. Nach einjähriger Behandlung habe Lucentis den schleichenden Sehverlust bei 95 Prozent der Patienten gestoppt, erklärte Miller. Und mehr noch: Sogar eine erhebliche Verbesserung der Sehfähigkeit konnten die Prüfärzte bei einem knappen Viertel der Behandelten registrieren (bei höherer Dosierung sogar bei einem Drittel) – das galt bislang als völlig utopisch. »Da ist vernünftige Grundlagenforschung gemacht worden«, lobt der AMD-Spezialist Frank Holz. Lucentis, sagt der Direktor der Bonner Universitäts-Augenklinik, sei »ein wesentlicher Durchbruch«.