Politische Korrektheit ist ihm ein Graus, man merkt es. Auf Worteleganz versteht er sich nicht. Die Poltereien des polnischen Präsidenten Lech Kaczy ń skis sollte man daher auch nicht auf die Goldwaage legen. Langsam aber kristallisiert sich das Bild einer merkwürdigen Rückwärtsgewandtheit heraus: Ganz so, als hätte der Mann am Steuer, assistiert von seinem Zwillingsbruder, den falschen Gang eingelegt. Das Problem ist, dass Polen, die Bundesrepublik und Europa weiter sind, als Kaczy ń ski es wahrhaben will. Doch er behauptet trotzig, andere würden eigene Interessen "mit großer Verbissenheit" vertreten und von Polen werde erwartet, es solle sich "einfach der Meinung anderer anschließen" (so in einem bemerkenswert derben Interview mit dem Spiegel. ) Weder die Ostsee-Pipeline mit Russland wird die Deutschen stoppen, noch wird Angela Merkel jetzt im Streit um das Zentrum gegen Vertreibung einlenken.

Kaczy ń skis Vorgänger Aleksander Kwa ś niewski stand für ein weltoffenes Polen: ein Land, das sich als Gewinner der Geschichte sieht. Ja, dieser Nachbar war zurückgekehrt aus dem Exil nach Europa. Kaczy ń ski kapselt, ja bunkert sich in einem nebulösen Gestern ein. Er tritt als Verlierer auf, der sich alles erst noch erkämpfen muss. Gegen die liberalen journalistischen Geister im Inneren, gegen Brüssel, Paris, die Deutschen. Europa gilt ihm als Lieblingsprojekt der Kommunisten und Linken, die den Staat seiner Souveränität berauben wollen. Die Bundesrepublik mag inzwischen zu melodramatischen Dresden-Spektakeln am Bildschirm neigen, zum Revisionismus tendiert sie nicht.

Zwar ist die EU eine durchaus pädagogische Anstalt, die sich ihre Mitglieder erzieht. Aber ein Polen würde dringend gebraucht, das spüren lässt, wohin man gemeinsam will. Vielleicht musste eine solche nationale Phase kommen? Stattdessen: ein eigentümlicher Neo-Sarmatismus, eine barocke "Politik der Würde", sehr national, die sich für Konsequenzen nicht interessiert. Viel Geduld wird noch nötig sein. Lech Kaczy ń ski kann europäische Solidarität nicht erzwingen, er kann aber Polen schaden.