Wie erholsam ist die Reeperbahn?

Sehr. Das mag jetzt verblüffen, schließlich handelt es sich um eine vierspurige, neonbeflackerte Hauptverkehrsstraße, die trotz ihrer Alleebäume nie ins Waldartige abgleitet. Auch gibt es an ihr keine heißen Quellen, allenfalls heißes Quälen. Des ungeachtet ist sie samt der buschig abzweigenden Seitenwege seit Jahren Teil eines aufstrebenden Kurortes: Der Stadtteil St. Pauli verfügt – ehrenamtlich zwar, aber immerhin – über Kurverwaltung, Kurbetriebe und sogar Kurschatten. Das sind passabel aussehende Damen und Herren, deren Herzen einem nicht einfach so zufliegen, sondern ortstypisch angemietet werden, für mal anderthalb, mal über vier Stunden.

Sie erwarten ihre Klienten an der U-Bahn, kassieren zehn Euro Kurtaxe und zeigen ihnen dann alle Einrichtungen, die Genesung versprechen: vom Table-Dance im Dollhouse bis zur nachts um halb eins florierenden Dosenbiertankstelle. Die Kurgäste sind Erholungssuchende von überall her, die einmal kneipen wollen mit einem p, knietief in der Sünde waten, aber nicht genau wissen, wie. Kundig werden sie nun geführt in die älteste Tätowierstube Deutschlands wie in die größte Spielhalle Europas (mit original russischem Helikopter als Ventilator unter der Decke), oder man schickt sie aufs Heiligengeistfeld ins Vereinsheim des FC St. Pauli zu einer hochprozentig angesetzten Veranstaltung: "Dichter an der Flasche, betrunkene Autoren lesen vor". Mit dabei: Harry Rowohlt. Cheers!

Wie erregend ist die Reeperbahn?

Oha. Viele Männer hoffen, hier ihre Lüsternheit stimulieren und ausleben zu können, ihnen liegt noch immer der blonde Hans im Ohr:
Komm doch, liebe Kleine
Sei die meine,
Sag nicht nein!
Du sollst bis morgen früh um neune
Meine kleine Liebste sein

Das ist von 1954. Für den moralischen Horizont jener Zeit war das recht kess. Inzwischen ist das seemännische Werben um die Schönen schnödem Gewerbe gewichen. Abends Punkt acht säumen die lieben Kleinen den Bürgersteig der Davidstraße Po an Po und lassen sich nicht lange bitten, genau genommen sogar gar nicht. Selbst bei desinteressiert Vorbeihastenden haken sie sich ein, um sich Wart-doch-mal-Süßer-halt-doch-mal-an-ja-was-bist-du-denn-für-ein-unfreundlicher-Scheißtyp rufend einige Meter mitschleifen zu lassen. Jedes Baby eine Barbie: aufgeklebte Nägel, solariumsbraune Haut, pinkschrille Kleidung, Moonboots. Fast möchte man ihnen sagen: Zieht euch erst mal unanständig an!