Es ist geradezu unheimlich, wie eine intendierte Würdigung sich unter der Hand in ihr Gegenteil, nämlich in eine Herabwürdigung, verkehren kann.

Vielleicht verdankt sich dieser Umstand einer Erinnerungskultur, die ihr Andenken an Jahrestage bindet und damit zeigt, dass die Tatsache, einem dekadischen Zahlensystem unterworfen zu sein, uns immer noch mehr bestimmt als die Einsichten eines großen Wissenschaftlers in die Gattungsgeschichte.

Die Neigung, einer Zahlenmystik zu folgen, hatte Freud auch bei sich selbst entdeckt und schrieb sie der kindlichen Sehnsucht zu, im Magischen aufgehoben zu sein - andererseits befriedige die Vorstellung, die Zahlenlogik durchschauen und damit das Undurchsichtige im Dasein beherrschen zu können.

Die ZEIT-Würdigung darf in diesem Sinne verstanden werden als Kompromiss zwischen dem Wunsch, die Psychoanalyse Freuds als Kulturleistung im Gedächtnis zu behalten und dem entgegengesetzten Begehren, die in ihr zur Sprache gebrachten anstößigen und mitunter unerträglichen Wahrheiten in ihrer Komplexität und Differenziertheit doch nicht so genau wissen zu wollen. Das zu Erinnernde wird so, in der Art, wie dessen gedacht wird, verdrängt.

Denn auch auf der inhaltlichen Ebene wiederholt sich der Konflikt zwischen Anerkennung und Entwertung. Statt sich in der tradierten, dennoch symptomatischen Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaft um eine dem Gegenstand angemessene Vermittlung zu kümmern, reproduzieren die Autoren die Spaltung, ohne sie zu reflektieren.

Dadurch gerät die Debatte in eine prekäre Schieflage: Die exakte Naturwissenschaft erfährt aktuell am Beispiel der Hirnforschung eine Fetischisierung, während die Begriffe und Kategorien der Psychoanalyse regelrecht verkommen.

Was bleibt, ist eine Alltagspsychologie, bei der sich jedermann nach Gutdünken bedienen kann. Diese Psychoanalyse hat mit der Freuds wahrlich wenig zu tun.