Nachvollziehbar ist die Frustration des Oppositionsviertels im Bundestag schon. Da fragten die Abgeordneten von FDP, PDS und Grünen die Regierenden in einer geheimen Ausschusssitzung nach der nächsten, ob der BND nun Bombenkoordinaten für den Irak-Krieg geliefert habe, nur um sich am Ende zu fühlen wie ein Autofahrer, der im Nebel das Aufblendlicht eingeschaltet hat. Man sieht nicht mehr, man sieht nur deutlicher, dass man nichts sieht. Also müsse ein Untersuchungsausschuss her, fordert nun auch die FDP. Der U-Ausschuss gilt noch immer als eine Art Wunderwaffe des Parlaments. Doch gerade wenn es um Geheimpolitik geht, hatte die Öffentlichkeit von dieser Art des Aufklärungstheaters bisher keine allzu große kathartische Wirkung zu erwarten.

Vorweg, was genau ist eigentlich zu klären? Wenn sich der publizistische Pulverdampf der vergangenen Tage um BND-"Gardisten" und irakische "Schneckenpläne" gelegt hat, kann es im Kern nur um eine Frage gehen: Wer hat davon gewusst, dass deutsche Beamte geografische Daten, die zur Zielerfassung im Irak beitragen konnten, an den amerikanischen Militärgeheimdienst weitergeleitet haben? Waren es bloß entfesselte BND-Mitarbeiter an den Schaltpulten in Pullach, die den (mündlichen) Weisungen aus Berlin zuwiderhandelten? Oder wussten Schröder, Fischer und Steinmeier von der "Unterstützung von Kampfoperationen", für welche die US-Armee nach dem Krieg mehreren BND-Beamten Orden ans Revers heftete? Dann hätte sich Rot-Grün im Wahlkampf 2002 als "Friedensmacht" angepriesen, nur um ein halbes Jahr später seinen Nachrichtendienst im Irak Feuerleitoffizier spielen zu lassen.

Dass es solch ein Doppelspiel gegeben habe, bestreitet selbst der energischste der parlamentarischen Geheimdienstkontrolleure, der Grüne Hans-Christian Ströbele. "Der damaligen Bundesregierung war vom konkreten Inhalt der Meldungen aus Bagdad nichts bekannt. Auch dem Präsidenten des BND sind diese nicht vorgelegt worden", schreibt er in seiner Bewertung des vertraulichen 300-Seiten-Berichts, den die Bundesregierung dem Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) vorgelegt hat. Es sind Sätze wie diese, die daran erinnern, warum Geheimdienste Geheimdienste heißen – und die daran zweifeln lassen, ob sich die Zusammenarbeit zwischen deutschen und US-Agenten jemals zufriedenstellend werden aufklären lassen.

Denn erstens heißen Geheimdienste so, weil sie wollen, dass nicht einmal die Regierung alles weiß, was sie tun. Nachrichtendienstliche Effizienz, ließe sich dieses Interesse vornehm umschreiben. Zweitens heißen sie so, weil auch die Regierung nicht alles erfahren will, was Geheimdienstler so treiben. Regierungen wollen im Notfall plausible Dementi bieten können. Man schasst, mit anderen Worten, lieber ein paar angeblich durchgedrehte Agenten als den Kanzleramtschef.

Im harten Schluss heißt das aber auch: Solange weder Bundeskanzleramt noch Bundesnachrichtendienst die Neigung verspüren, den anderen anzuschwärzen, so lange sind weitere Enthüllungen schwerlich zu erwarten. An ebenjener gegenseitigen Stützkraft ist schon einmal ein Untersuchungsausschuss gescheitert. Zweieinhalb Jahre lang mühten sich Abgeordnete des Bundestages, herauszufinden, ob die Kanzleramtsspitze 1994 von dem Schmuggel von 363 Gramm Plutonium an Bord einer Lufthansa-Maschine von Moskau nach München Kenntnis hatte – der Coup, so die Vermutung der Opposition, war womöglich inszeniert worden, um dem BND einen Fahndungserfolg und der CSU in Bayern Wahlkampfhilfe zu bescheren. Am Ende einigten sich CDU und SPD in einem 330-seitigen Abschlussbericht darauf, sich nicht zu einigen. "Wir sind damals sehr nahe an die Klärung herangekommen, ob Kohl davon wusste", sagt der damalige SPD-Obmann, Hermann Bachmaier. Aber eben nicht nahe genug. "Letztlich blieb das Ergebnis eine Wertungsfrage."

Vor allem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wedelt dieser Tage rein prophylaktisch mit dem klassischen Abwehr-Argument der Geheimschützer. Die Funktionsfähigkeit des Auslandsnachrichtendienstes, sagt er, stehe ingesamt auf dem Spiel, wenn Details seiner Arbeit an die Öffentlichkeit gezerrt würden. Einem Untersuchungsausschuss könne daher nicht mehr Material präsentiert werden, als die PKG bereits erhalten habe, tönt es aus der Großen Koalition.