Ein Urlaubsparadies im Indischen Ozean wird derzeit vom Chikungunya- (CHIK) Virus heimgesucht: Von Mauritius bis Madagaskar infizieren sich Einheimische zu Tausenden mit dem Erreger, allein auf der französischen Insel Réunion traf es seit Januar 154 000 Menschen. 77 Patienten sind am CHIK-Fieber gestorben, es sind die ersten Opfer des Virus überhaupt. Inzwischen haben 30 Urlauber den Erreger sogar nach Europa eingeschleppt. Ein Impfstoff, der die Epidemie eindämmen könnte, existiert nicht - obwohl es ihn längst hätte geben können.

Bereits Mitte der achtziger Jahre hatte das Medical Research Institute of Infectious Diseases der U. S. Army an einer CHIK-Vakzine gearbeitet, die - offenbar aus Geldmangel - in der klinischen Prüfung nicht über eine so genannte Phase-II-Studie hinauskam. Dabei waren die Daten aus dem Jahr 2000 vielversprechend: Von 58 Patienten, die mit dem abgeschwächten Virus geimpft worden waren, entwickelten 57 innerhalb eines Monats Antikörper gegen den Erreger. Dennoch wurde auf eine für die Zulassung notwendige, sehr teure Phase-III-Studie verzichtet. Andere Krankheiten wie Malaria, Diarrhö und Denguefieber hatten damals Priorität, sagt Colonel David Vaughn, Direktor des Militärinstituts. Der neue Chikungunya-Ausbruch, so hofft er, könnte die Diskussion um den Impfstoff wiederbeleben.

Das französische Gesundheitsministerium hat sich bereits nach der Vakzine erkundigt. Sie entspricht jedoch nicht den heutigen Standards, sagt Martin Guespereau, Berater des französischen Gesundheitsministers Xavier Bertrand.

Sie müsse neu hergestellt und ihre Wirkung in neuen Studien überprüft werden - vielleicht werde man auch einen neuen Impfstoff entwickeln müssen. Eine Impf-Task-Force habe das französische Gesundheitsministerium bereits abgestellt, allerdings sei frühestens in drei Jahren mit einer Vakzine zu rechnen.

Chikungunya gehört zu den hämorrhagischen Fiebern, verläuft aber - im Gegensatz zu Dengue oder Ebola - meist wie eine leichte Grippe mit Gelenkschmerzen. Übertragen wird das CHIK-Virus durch die tropische Tigermücke, möglicherweise auch durch Culex- und Anophelesmücken. Einige dieser Arten kommen vereinzelt in Südeuropa vor. Dass Chikungunya sich dort ausbreiten könnte, ist dennoch unwahrscheinlich: Die Mücke müsste einen hochgradig infizierten Menschen bei einer Außentemperatur von mindestens 25 Grad stechen. Nur unter solchen Bedingungen könnten sich die Viren im Insekt vermehren und beim Stich auf einen anderen Menschen übertragen werden.

Versuche des französischen Gesundheitsministeriums, die Mücken auf Réunion zu bekämpfen und so das Virus in Schach zu halten - zurzeit wird jedes Haus auf der Insel einmal pro Woche mit Insektiziden behandelt -, schlugen bislang fehl. Allein in der letzten Februarwoche registrierten die Ärzte 44 000 Neuinfektionen. Réunion wartet nun auf den Winter. Ab April gehen die Temperaturen und damit auch die Mücken und Infektionen zurück. Bald schon könnten fast alle Einheimischen vom CHIK-Virus befallen und - zumindest für einige Zeit - immun sein. Ein Impfstoff käme für sie zu spät, wäre aber umso wichtiger für Touristen: Wenn alle Menschen und Mücken in der Gegend das CHIK-Virus in sich trügen, könnte für sie jeder Stich eine Infektion bedeuten.