Die Dächer der Grazer Altstadt bilden eine über die Jahrhunderte gewachsene Landschaft aus dunkelroten Ziegelebenen, die kunstvoll ineinander verkeilt und harmonisch miteinander verwachsen scheinen. Ein Stadtkern von seltener Geschlossenheit und mit wertvollem architektonischem Bestand. Gut drei Viertel der Gebäude des historischen Zentrums an der Mur stehen unter Denkmalschutz, das gesamte Ensemble wurde vor sieben Jahren von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Gewiss, eine Anerkennung von erheblichem Prestige. Aber auch eine ambivalente Würdigung. Denn mit der Überreichung ihrer Urkunde entziehen die Kulturhüter in Paris de facto der lokalen Stadtplanung auch die Verfügungsgewalt über ihre Bausubstanz. Bei jedem modernen Eingriff, der dem musealen Denken der Aufpasser der Unesco zuwiderläuft, wird unter großem Getöse angedroht, das begehrte Prädikat wieder abzuerkennen. Obwohl der Schritt kaum Konsequenzen nach sich ziehen dürfte, reicht die Androhung dieser vermeintlichen Schmach in der Regel aus, die meisten Projekte, die im Konflikt mit Kulturschützern zu stehen scheinen, zu Fall zu bringen und jede zeitgemäße Stadtentwicklung zu stoppen.

Als Wachhund bedient sich die Unesco gerne einer privaten Lobbyorganisation namens International Council on Monuments and Sites (Icomos), der weltweit gerade 7500 Mitglieder angehören. In Graz haben die Bewahrer nun wieder angeschlagen und dumpfe Drohungen ins Land gesetzt. Geplant war der Dachausbau eines Innenstadtkaufhauses in der Grazer Sackstraße. Das Vorhaben war sorgfältig vorbereitet worden. Den Wettbewerb im vergangenen Jahr gewann das Projekt eines spanischen Architektenduos, das vorsieht, die historischen Dachziegelflächen durch eine Gruppe sensibel gestaffelter Satteldächer aus Zinkblech zu ergänzen. Also kein billiges Nachäffen des Bestehenden, sondern ein Dialog zwischen historischer Substanz und moderner Erweiterung. Allein, in den Augen des österreichischen Icomos-Repräsentanten Wilfried Lipp, im Hauptberuf Landeskonservator von Oberösterreich, ein unverzeihlicher Frevel, den er vor der Weltkulturerbe-Kommission zu denunzieren gedenkt. Wie schon im Fall der gestutzten Bürotürme von Wien-Mitte, die angeblich den barocken Canaletto-Blick auf die Innenstadt durchbohrt hätten, wird nun auch in Graz die Rechtfertigungsmaschine angeworfen. Den Stadtplanern drohen demütigende Canossa-Fahrten nach Paris. Ausgang ungewiss. Zumindest hat der eigenmächtige Denkmalpolizist in Graz eine Debatte darüber ausgelöst, ob es nicht klüger wäre, die fragwürdige Würde einfach wieder mit bestem Dank zurückzuerstatten. Denn keine Stadt kann es auf Dauer akzeptieren, dass jedes Mal, wenn eine Modernisierung geplant ist, eine endlose Verhinderungsdebatte ausbricht, die dann irgendwann zu lauen und meist unbefriedigenden Kompromissen führt. Zugleich sollten aber auch die Grazer, und mit ihnen die Wiener und Salzburger Planer, die unter ähnlichen Weltkulturerbe-Behinderungen leiden, die Frage stellen, wieso sich eine lautstarke Clique von Traditionalisten abseits aller Genehmigungsverfahren oberste Verfügungsgewalt anmaßen kann. Sie ist durch nichts legitimiert als durch ihre Besserwisserei. Mehr Transparenz tut hier Not. Das Weltkulturerbe bilde einen "Quarglsturz", hieß es im Verlauf der Wiener Debatte. Es wird Zeit, dass sich der Mief aus den kostbaren Altstadtensembles verzieht.