Colorno
Der Alltag an der Elite-Uni kann mächtig stinken. Langsam nimmt eine Hand voll Studenten in einem der Hörsäle im ersten Stock des Renaissance-Schlosses seine Plätze ein. Ein stechender Geruch liegt in der Luft, eine Mischung aus Fußschweiß, Ziegenstall und Ammoniak. Es ist ein edler Duft, der Duft von delikatem Käse aus Italien und Frankreich. In verschiedensten Formen und Reifegraden werden die Kostproben gerade an die Hochschüler verteilt. Zwei Stunden lang sollen sie nun die Stinker testen und analysieren und anschließend eine Seminararbeit über die Erkenntnisse, die sie gewonnen haben, verfassen.

Colorno, eine kleine Stadt nahe der norditalienischen Schinken- und Käsemetropole Parma. Hier büffelt der lukullische Nachwuchs aus aller Welt an der Università di Scienze Gastronomiche dem Abschluss in der neuen akademischen Disziplin Gastronomische Wissenschaften entgegen. Käse zu verkosten ist nur eines der vielen merkwürdigen Lehrfächer an dieser weltweit ersten Genussakademie.

Eine der angehenden Gusto-Wissenschaftlerinnen ist Barbara Kunze aus Sattledt in Oberösterreich. Die 22-Jährige ist die erste Österreicherin, die sich in Colorno eingefunden hat, um dort ihrer Vorliebe für Essen und Trinken auch akademische Würden zu verleihen. "So schön kann studieren sein", schwärmt Kunze über das breit gefächerte Vorlesungsprogramm. Weinverkostungen gehören ebenso dazu wie Exkursionen in die Werkstätten der Hersteller kulinarischer Edelprodukte. Das ist der erbauliche Studienabschnitt. Dazwischen liegen viele Stunden theoretischer Vorträge: Chemie, Physik, Ökonomie, Kulturgeschichte. Alles dient dem hohen Ziel, das Schlemmen unter einen Doktorhut zu kriegen, der in der gesamten EU Gültigkeit besitzt.

Gegründet wurde das ungewöhnliche Exzellenz-Institut von der kulinarischen Vereinigung Slow Food in Zusammenarbeit mit italienischen Regierungsbehörden und der Lebensmittelindustrie. Seit einem Jahr pauken nun rund achtzig Studenten, aufgeteilt auf einen Campus in Pollenzo im Piemont und dem Elite-Institut in Colorno im Zentrum der Emilia Romagna. In Pollenzo werden die angehenden Akademiker in einem fünfjährigen zweiteiligen Basisstudium zu Gastro-Doktoren ausgebildet, in Colorno absolvieren Hörer mit einem abgeschlossenen Studium einen postgraduellen Kurs und schließen mit einem Master Post Lauream ab. "Genuss braucht Bildung", sagt Alberto Capatti, der Gründungsdirektor der Alma Mater Culinaria. "Unser Ziel ist es, dass unsere Studenten die ganze Tiefe der kulturellen Bedeutung des Essens, seiner Herstellung und seiner Zutaten verstehen lernen."

Sowohl in Pollenzo als auch in Colorno hat sich ein buntes Häufchen von Genussfanatikern versammelt, um Kenntnisse zu erwerben, die bislang von keiner Uni vermittelt wurden. Eine Vielzahl von Spezialdisziplinen steht im Vorlesungsverzeichnis: Geschichte der Lebensmittel und des Kochens, Anthropologie der Ernährung, Mikrobiologie, Informationswissenschaften, Tourismus, Önogastronomische Kommunikation oder Soziologie und Agrarökonomie.

Nach dem Willen der Gründer soll das praxisorientierte Studium eine neue Garde von hoch spezialisierten Experten in alle Bereiche der stark expandierenden kulinarischen Wirtschaft entsenden. Der Marketingmanager Paulo Lina aus Brasilien etwa möchte in Colorno zu einem "Dottore buon gusto" reifen, um sich später in der Lebensmittelbranche besser positionieren zu können. Oder Emily Halpern aus New York. Ursprünglich studierte sie Musik, später schrieb sie für ein Feinschmeckermagazin. Nun will sie in der Kulinaristik-Branche vorwärtskommen. Dazu benötigt sie breites Fachwissen, und genau das kann die neue Uni vermitteln. Dana Zemel aus Seattle hat zunächst ein eher schwer verdauliches Geografiestudium hinter sich gebracht. Mit Essen und Trinken hatte sie wenig am Hut, bevor sie in die Emiliga Romagna, in das heilige Land des Schinkens und Schlemmens, kam. "Geografie allein ist ein trockenes Brot", sagt Zemel, "in Kombination mit diesem Studium aber gewinne ich sicher ganz neue Perspektiven."