Vier Tage ist er mit dem Fahrrad gefahren, vier Tage war er unterwegs auf staubigen Landstraßen, 250 Kilometer sind es von seinem Heimatdorf nach Majie. Einen Lumpensack hatte er auf seinen Gepäckträger geschnallt, ein paar Habseligkeiten nur, versteckt unter löchrigem Stoff. Abends hat er bei Bauern um Einlass gebeten. Wäre es möglich, hat er gefragt, die Nacht in eurem Haus zu verbringen? Die Bauern gaben ihm Essen und zeigten ihm seinen Schlafplatz. Geld konnte er ihnen nicht anbieten. Er packte seine kleine rote Trommel aus und bezahlte mit seiner Kunst. Das Mädchen Majadan klapppert zu seinem Vortrag mit zwei Holzstäben BILD

Nun steht Herr Li auf dem Festplatz und holt tief Luft. Er fletscht die Zähne, krümmt sich, schnaubt. Er singt, er grölt, er schreit. Ein Zucken läuft durch seinen Körper, Spucke sprüht aus seinem Mund. Gelb sind seine Zähne, gelb die Augen, nur Schlitze in dem faltigen Gesicht. Rhythmisch, hart schlägt er die Trommel, heiser ist seine Stimme, doch Wort um Wort stößt er hervor, eine halbe Stunde lang. Niemand kann die Augen von ihm wenden, etwas steckt in diesem kleinen Mann, ein unbändiger Wille, eine Kraft. Li Wan Cheng tut, was schon die Väter und die Urgroßväter taten. Sein Leben ist das Geschichtenerzählen, dafür ist ihm keine Mühe zu groß.

»Es war einmal eine Witwe, deren Sohn heiratete eine faule Frau…«

Immer am 13. Tag des Mondkalenders (diesmal fiel er auf den 10. Februar) strömen Geschichtenerzähler aus ganz China in das Dorf Majie, um sich in ihrer Kunst zu messen. In der Mitte des Reiches der Mitte, auf einem Acker in der Provinz Henan, findet seit 700 Jahren das bedeutendste Fest seiner Art statt. Flach und fruchtbar ist das Land südlich des Gelben Flusses, Alleen durchkreuzen die Felder. Keine Märchenlandschaft, schon gar nicht, wenn der Schnee schmilzt und nichts bleibt außer Schlamm und Matsch, wenn der Himmel auf die Erde drückt und die Sonne ihre Konturen verliert im milchigen Licht. Wenn man nicht weiß, ob der Dunst eine Laune des Wetters ist oder das Werk der Fabriken. Doch die Region ist reich, reich an Geschichte. In Henan wurde der erste buddhistische Tempel Chinas erbaut, das erste chinesische Wörterbuch verfasst. Und hier leben die Menschen noch heute für ihre Kultur.

Hunderttausend Festgäste haben sich auf dem Weizenfeld am Rand des kleinen Dorfes versammelt. Händler preisen ihre Waren: Puffreis, Fladenbrot, Schweineköpfe mit halbem Rüssel, Schubkarren voller Zuckerrohr. Auf Lehmöfen stehen Töpfe, groß wie Traktorreifen. Dampf steigt auf, es brodelt die Ziegensuppe mit schwimmendem Gerippe. In der einen Ecke schießen Männer auf Luftballons, in der anderen krallen sich Frauen in Pferdemähnen, galoppieren kreischend im Kreis. Die Besucher drängen sich vor den Bühnen, und Bühne kann hier alles sein. Ein Podest mit rotem Teppich und riesigen Lautsprecherboxen. Ein Tisch, ein Hocker, ein knisterndes Mikrofon mitten auf dem Acker. Die Ladefläche eines Lastwagens, auf der gefiedelt und gesungen und in der Kälte geschwitzt wird. Die Kinder haben die besten Plätze. Sie sitzen auf den Schultern, ragen empor aus dem Meer von schwarzem Haar.

Auswendig tragen die Erzähler ihre Geschichten im Sprechgesang vor, begleitet von einer dreisaitigen chinesischen Geige. Lehrreich und vergnüglich ist jedes Stück, die Moral dürfen die Zuhörer wählen. Wollen sie die Mahnung an den Ehemann: Lass den Schnaps und das Glücksspiel (20 Minuten)? Oder lieber den Rat an die Braut: Begnüge dich mit einer geringen Mitgift (30 Minuten)? Am gefragtesten sind die konfuzianischen Werte: Achtung und Ehrfurcht vor den Eltern. Ein blinder Mann mit Sonnenbrille, Meister darf er sich nennen, bringt die Saiten zum Klingen, und seine Schülerin setzt an:

»Es war einmal eine Witwe, die ihren Sohn allein aufzog. Als der Sohn erwachsen war, heiratete er eine faule Frau. Eines Tages bat die kranke Mutter um ein Stück Birne, doch ihr Sohn sagte: ›Du bist alt. Du sollst endlich sterben.‹ Für seine Ehefrau aber kaufte er ein großes gebratenes Huhn. Als er seiner Frau das fettige Huhn reichte, fiel das Tier in den Nachttopf. Da sagte die Frau: ›Gib deiner Mutter das schmutzige Huhn, aber rufe vorher: Mutter, ich habe ein Huhn für dich besorgt! Dann glauben die Nachbarn, dass du ein guter Sohn bist.‹ So geschah es, und der Sohn sagte zu seiner Mutter: ›Das Huhn ist ganz frisch in Öl gebraten. Sieh nur, es tropft noch!‹ Die Mutter hatte seit langem kein Fleisch gegessen, und so verschlang sie das Huhn, während das Ehepaar im Schlafzimmer spottete. Der Himmelsgott aber bemerkte die böse Tat und schickte einen Feuerdrachen zur Erde. Und so verbrannten der undankbare Sohn und seine Frau jämmerlich.«