In Dresden hat es vergangene Woche eine kleine Revolution gegeben: Auf einen Schlag hat die Kommune ihre Wohnungsbaugesellschaft mit 48.000 Wohnungen, 1300 Gewerbeeinheiten und 492 Mitarbeitern an den amerikanischen Finanzinvestor Fortress verkauft.

Wozu so eine Revolution für die Mieter führen kann, lässt sich anderswo schon besichtigen. Zum Beispiel am Dahlemer Weg, einer Allee im Berliner Stadtteil Zehlendorf. Hinter einer Reihe hoher Bäume steht dort ein schmuckloser gelber Wohnblock. Im vierten Stock schiebt Manfred Einführ einen Aktenordner auf die Wachstischdecke. In dem Ordner hat er unzählige Musterverträge und Zeitungsausschnitte abgeheftet. Und dazwischen ein Schreiben der Wohnungsbaugesellschaft GSW, das dem Rentner eine Mieterhöhung um 20 Prozent verkündete.

Das war im Juni 2004. Nur wenige Wochen zuvor hatte der Berliner Senat die städtische Wohnungsbaugesellschaft GSW an die Investoren Cerberus und Whitehall veräußert. Solche Firmen haben in der Hauptstadt in den vergangenen Jahren mehr als 130.000 kommunale Wohnungen gekauft, so viele wie nirgendwo sonst in Deutschland.

Seither telefoniert der 69-jährige Einführ häufig mit wütenden Berlinern, die ebenfalls Post von ihrem neuen Vermieter bekommen haben und wissen wollen, ob der so einfach mehr Geld verlangen kann. Einführ, seit acht Jahren stellvertretender Bezirksleiter des Mietervereins, erklärt dann, dass 20 Prozent Mieterhöhung innerhalb von drei Jahren erlaubt seien. Solange die GSW noch in Stadtbesitz war, hat sie diesen Rahmen aber nicht ausgeschöpft. »Diese Wohnungsbaugesellschaften sind gegründet worden, um für Leute mit kleinem Geldbeutel Wohnungen zu bauen«, doziert Einführ. »Und jetzt wird alles zerschlagen. Ich kann davor nur warnen.«

Die Deutsche Bank schätzt den Markt auf 100 Milliarden Euro

Solche Warnungen schrecken allerdings immer weniger Städte ab. Wohnungsverkäufe an angelsächsische Investoren sind ein beliebtes Mittel geworden, um leere Kommunalkassen aufzufüllen. Wie in Dresden. Der Stadt spült der Verkauf 982 Millionen Euro in die Kasse und damit 240 Millionen mehr, als die Stadt braucht, um ihre gesamten Schulden zu tilgen. Zwar verliert Dresden rund 9 Millionen Euro Mieteinnahmen jährlich, sie spart aber durch die Schuldentilgung 70 Millionen Euro pro Jahr. Es ist ein Geschäft, von dem auf den ersten Blick beide Partner profitieren. »Wir gewinnen die Hoheit über unseren Haushalt zurück«, sagt Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP). »Wir sind überzeugt, dass der Kauf eine sehr gute Investition ist«, sagt Robert Kauffmann, Mitgründer und Europa-Chef von Fortress.

Tatsächlich gehen bei solchen Verkäufen aber beide Seiten ein Risiko ein: Es steht nicht fest, ob Fortress die gewünschte Rendite bekommt. Und auch nicht, ob Dresdens Ratsmehrheit in ein paar Jahren noch glücklich ist mit dem Verkauf. Sicher ist nur: Die Bewohner der bisher günstigen städtischen Wohnungen zahlen künftig mehr Miete.