Es begann, wie es bei fast allen unserer Generation begann (sternenfern der jetzigen E-Mail- und Handy-Jugend): mit einer klapprigen Marineschreibmaschine auf einem Holztisch in einem »Zimmer mit Kochgelegenheit«. Da war, 1949, Siegfried Lenz 23 Jahre alt, arbeitete als eine Art Feuilleton-Assistent in der britisch lizenzierten Zeitung Die Welt und schrieb – nicht abgelenkt vom süßsauren Linsengeruch aus der Kochecke – an seinem Roman Es waren Habichte in der Luft. Er wurde kein Misserfolg. Es folgten vielbeachtete Romane, seinen Lesungen bei der Gruppe 47 lauschte man mit dort seltener Anteilnahme – und fast zwanzig Jahre später, 1968, kam der ganz große Erfolg mit dem so wundersam-eindringlichen Roman Deutschstunde: Ein Auflagenmillionär war geboren, dem sein von Beginn an treuer Verleger Thomas Ganske ein Nolde-Gemälde schenkte; der durch die bildeindringliche Verfilmung des Romans ein noch größeres Publikum erreichte, berühmt nun und eine vielfach dekorierte Person der Öffentlichkeit. Aber Siegfried Lenz – hier einer der schönen Widersprüche dieses Künstlers – blieb leise, bescheiden, wenngleich beharrlich. Eine »neue Regierung« forderte auch er in dem sagenumwobenen rororo-aktuell-Bändchen (mit dem diese Taschenbuchreihe 1961 aus der Taufe gehoben wurde), und man darf sich ins Gedächtnis rufen, dass des Schriftstellers Intervention von einem moralischen Impetus getragen war: »Eine der ungeheuerlichsten, wenngleich wohl bezeichnenden Entsprechungen, war der Versuch der Emigranten-Diffamierung in dem Augenblick, als Willy Brandt zum Kanzlerkandidaten der SPD nominiert wurde. Die Erklärung eines CDU-Ministerpräsidenten – er wisse, was er drin tat, von Brandt aber wisse er nicht, was er draußen tat – war mehr als Entmutigung: Sie weckte Befürchtungen, die jedes Vertrauen ausschlossen. Hier erlebte die Moral eine ihrer schwerwiegendsten Niederlagen.« Siegfried Lenz BILD

Durchaus konnte man Siegfried Lenz neben dem »Trommler«, seinem Freund Günter Grass, fortan auf politischen Podien erleben. Leise bedeutet nicht duckmäuserisch. Keiner von beiden indes gehörte zu den heute gerne als »wild« denunzierten so genannten »68ern«. Aber die Parenthese (sie biegt nicht ab vom Weg des Schriftstellers Siegfried Lenz) mag erlaubt sein: Die paar Eier auf Amerikahäuser – mir damals als »antiamerikanisch« zuwider – waren ja Kinderspiel, hat man ein von Guantánamo bis zu CIA-Flügen und dem total unsinnigen Irak-Krieg kriminell gewordenes Amerika vor Augen; der Ruf, der den Muff aus den Talaren herauspusten wollte, klingt wie ein Kinderlied angesichts der Tatsache, dass nie ein einziger Nazirichter in der BRD verurteilt wurde, dass eine der größten ihres Gewerbes, die Dresdner Bank, Hauptsponsor der SS, zutiefst in das Verbrechensräderwerk des Naziregimes verflochten war; selbst die als übelster Missbrauch frühmarxistischen Denkens attackierte »Stamokap«-Theorie der jungen Rebellen (Staat und Monopolkapital also eng verbunden) ließe sich anno 2006 neu überdenken, liest man von Massenentlassungen als Voraussetzung steigender Aktienkurse und dem Tages(!)gewinn von 100 Millionen Euro einer Ölfirma.

Was hat dieser kleine Gedankenausflug mit dem Romancier Siegfried Lenz zu tun? Ich glaube: sehr viel. Gewiss, Arno Schmidt hat Recht mit seinem Satz (aus der Dankadresse zum Goethe-Preis 1973) »Der Schriftsteller soll alleine gehen«. Das tat auch Siegfried Lenz; aber er lebte nicht jenseits dieser Welt. Womit wir bei seiner literarischen Methode wären. Eine solche aber ohne ein Menschenbild, ohne einen Entwurf vom Menschen, gibt es nicht.

»Die Wirklichkeit da verstehen, wo sie nichts preisgeben möchte«

So wage ich, wohl wissend um die Fragwürdigkeit jeglicher Etikettierung, die Formel »Humanistischer Realismus«. Damit ist gemeint: das Humanum Siegfried Lenz ist immer Teil seines Werks; er ist immer innen drin in seinen Texten, nie ironiegekälteter Außenbetrachter der Begebnisse. Vom Briefträger, der Nolde »gemütlich« das Malverbot überbringt, bis zu jenem einigermaßen unheimlichen Arne (aus dem verwoben traurigen Roman Arnes Nachlaß), von dem der Berichterstatter ja selber sagt, er fühle sich »wie ein Eindringling in seine Welt, seine Tränen, seine verborgenen Hoffnungen« – immer und immer spüren wir einen Hobelspan von Wissen und Gewissen dessen auf, der uns diese Geschichten erzählt. Um ein kühnes (mag sein altmodisches) Wort zu benutzen: Siegfried Lenz sperrt seine Seele nicht aus. Er will kein Mallarmé-Wortklöppler sein, der zierlich-artistische Tanzfächer mit Hieroglyphen dekoriert, die sich allenfalls auffächern lassen, erschließen nie. Auch das, fraglos, ist eine Spielmöglichkeit der Literatur. Es ist nicht die des Siegfried Lenz – er ist nicht vorwitzig genug, uns die Welt zu enträtseln; aber er versucht, uns Schlüssel zu geben für die tausend Ritter-Blaubart-Zimmer, hinter denen sich die Wirklichkeit verbirgt. Wirklichkeit und Wahrheit, wohl wahr, sind nicht identisch. Und Kunst, die, Gott behüte, Wahrheit zu künden sucht, ist (übrigens zumeist in Diktaturen üppig gedeihendes) Kunstgewerbe; vulgo: Trivialliteratur.

Das Vorgehen von Siegfried Lenz ist anders. Es ist eine Einladung »Komm mit auf eine wundersame Reise, träume mit mir, dich hinein in eine andere Dimension von Leben« – die darf man »Möglichkeit« nennen. Es ist ein Gemenge von Märchen, oral history und Lehrgedicht; es ist immer das Kunst-Lasso, das er nach uns auswirft, um ein klein wenig unsere Richtung zu ändern. Er gibt uns etwas ab von seiner Fantasie, wohl in der Hoffnung, uns andere Augen einzusetzen, frei von dem Sand, den uns der Tag hineinstäubt. Deswegen nannte man Dichter einst Seher.

Damit das nicht als eine beliebige Kritikerspekulation abgetan wird, gebe ich Lenz selber das Wort, Sätze aus einem soeben erschienenen kleinen Gnadengesuch für die Geschichte (in dem Band Selbstversetzung): »In der letzten Zeit ist die Geschichte ziemlich oft mit Schrot gespickt worden, und in einigen Kreisen gilt sie ästhetisch schon als erlegt. Ein neuer Stil der schmucklosen Verzagtheit und der unerschrockenen Registrierung hat sie auf die Abschußliste gebracht; […] Geschichten, so behaupten die Hohenpriester der Erzähltheorie – und sie meinen die Fabel, den anekdotischen Kern, den unbeliebigen Konflikt –, sind die Übel der Literatur, die Wonnen, die sie bereiten, sind prekäre Mißverständnisse, denn Geschichten überzeugen nicht, sondern übertölpeln. Sie stellen sich selbst nicht in Frage, und deshalb besitzen sie keine Rechtfertigung. Weil sie unverantwortlich sind, irreführend, unüberprüfbar und außerdem liederlich romanesk, haben sie ihren Anspruch auf literarische Eignung verloren. […] Hat aber die Geschichte dieses Ende verdient? Ist das Urteil gerechtfertigt? […] Ich gebe zu, ich fühle mich von keinem bedroht, der mir ›Geschichten erzählt‹, und wenn ich selbst Geschichten erzähle, so will mir die Strafwürdigkeit nicht unmittelbar einleuchten. Denn was sind Geschichten? Man kann sagen, zierliche Nötigungen der Wirklichkeit, Farbe zu bekennen. Man kann aber auch sagen: Versuche, die Wirklichkeit da zu verstehen, wo sie nichts preisgeben möchte.«

Da fallen schon entscheidende Stichworte wie »zierliche Nötigungen der Wirklichkeit« oder »Farbe bekennen«. Das ist – besser, weil vom Autor ausgedrückt –, was ich meine mit Entwurf vom Menschen, mit dem winzigen Teilchen von dem, was der Sternengucker – meinetwegen: Sternendeuter – uns von seinem Kosmos zu erzählen weiß; eine Banausie wäre es, selber zu glauben oder glauben zu machen, er stünde außerhalb des Kosmos. Das tat Thomas Mann nicht, als er seinen Enkel Fridolin (im Faustus-Roman Echo) sterben ließ – er gab einen Fetzen des eigenen Lebens ab, nahm uns eine Spur des unseren. Das tat der große russische Lyriker Joseph Brodsky nicht, als er seinem italienischen Freund Gianni Buttafavas das herrliche Gedicht Vertumnus widmete, an dessen Ende er ihm einen Liebeskranz bot, den er nicht winden konnte: »Ich habe nichts womit ich dir einen Kranz / winden, deine Stirn schmücken könnte am Ausgang / dieses Jahres von extremer Dürre.«