Von der Neurobiologie lernen heißt siegen lernen. Vielleicht sollte Jürgen Klinsmann auf seinem nächsten Flug in die USA einmal im Labor von Elizabeth Gould vorbeischauen. Die Psychologin der Princeton University erforscht die wahren Erfolgsgeheimnisse des Mannschaftssports. Soeben hat sie den neurowissenschaftlichen Beweis dafür geliefert, dass ein starker Gruppenzusammenhalt beim Sport nicht nur den Stresspegel jedes Einzelnen senkt, sondern sogar das Denkvermögen zu steigern vermag.

Elf Freunde müsst ihr sein? Zumindest für joggende Ratten kann dies nun als bewiesen gelten. In Goulds Experiment zeigte sich, dass die Wirkung sportlicher Aktivität stark vom sozialen Umfeld abhängt. Dazu teilte sie ihre Tiere in zwei Gruppen. Die einen durften zusammenleben und zwölf Tage lang in einem Laufrad rennen, die anderen mussten einsam ihre Runden drehen. Ergebnis: Bei denjenigen, die in der Gruppe trainierten, sprossen am Ende neue Nervenzellen im Gehirn. Bei den alleinlebenden Joggern hatte das Training dagegen eher negative Effekte: Bei ihnen schrumpften sogar manche Neuronenverbände, wie Gould in der Zeitschrift Nature Neuroscience berichtet.

Haben also Ballack & Co. in den letzten Wochen zu viel allein trainiert? Ist so manches Fußballerneuron verkümmert? Wie Elizabeth Gould erklärt, steigt in Stresssituationen (zu denen auch Sport gehört) im Gehirn der Spiegel des Stresshormons Corticosteron an. Dieses bremst normalerweise das Nervenwachstum. In der Gruppe jedoch wird diese schädliche Wirkung auf wundersame Weise aufgehoben: Die gemeinsam lebenden Ratten jedenfalls schienen »auf irgendeine unbekannte Weise« vor dem negativen Einfluss des Stresshormons geschützt, schreibt Gould.

Daraus könnte man nun schließen, Klinsmann müsse unbedingt in Deutschland gemeinsam mit seiner Mannschaft den fatalen Corticosteron-Effekt bekämpfen. »Wir bildeten vor dem Spiel einen Kreis mit allen Spielern und Betreuern, schauten uns in die Augen und riefen uns zu: Männer, einer für alle, alle für einen!« So war das 1954, als Fritz Walter mit seinen Mannen dem Neuronenabbau trotzte und das Wunder von Bern möglich machte. Doch wie immer bei Tierversuchen ist die Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen nicht so simpel.

Zum richtigen Verständnis von Goulds Experiment muss man wissen, dass es für Ratten unerträglich ist, allein zu leben. Kommt zu diesem Isolationsstress noch die Belastung im Laufrad, schaukeln sich die Stresshormone im Gehirn geradezu gegenseitig auf.

Beim Menschen dagegen liegt die Sache anders. Für den Bundestrainer etwa bedeutet das Alleinsein Entspannung, die Gruppendynamik im Deutschen Fußballbund dagegen höchsten Stress. So gesehen, tut Jürgen Klinsmann das einzig Richtige, wenn er in die USA fliegt. In ständiger Gesellschaft von Beckenbauer, DFB und Bild kann er nur Gehirnzellen verlieren.