In Abbas Maroufis »persischer und orientalischer Buchhandlung« an der Berliner Kantstraße kann man neben Büchern auch Grußpostkarten kaufen. Aus dem Sortiment ragt ein Stapel mit fetten Goldlettern heraus: »Herzliche Glückwünsche zur Promotion«.

Eine Einwanderergruppe, in der es einen Markt für solche Karten gibt, scheint nicht schlecht zurechtzukommen. Aber was heißt überhaupt Gruppe? Die Iraner in Deutschland waren immer ein wenig stolz auf ihre Unauffälligkeit. Die überwältigende Mehrheit der etwa 120000 Migranten aus Iran kommt in ihrer neuen Heimat so gut zurecht, dass sie als Gruppe kaum wahrgenommen wird. Die Deutsch-Iraner – mehrheitlich Muslime – sind lebende Beweise dafür, dass der Integrationserfolg weniger mit der Religionszugehörigkeit als mit Bildungsorientierung und einer positiven Haltung zum Einwanderungsland zu tun hat. Keine andere Migranten-Community hat so viele Ärzte, so viele Unternehmer und Ingenieure hervorgebracht. Seit dem Jahr 2000 haben sich unter dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht über 50000 Iraner einbürgern lassen – eine stille Erfolgsgeschichte.

Neuerdings jedoch leiden die Iraner an ihrer Unauffälligkeit. Das hat mehr mit ihrem Herkunftsland zu tun als mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Mit wachsendem Grauen beobachten sie, wie Präsident Ahmadinedschad Iran zum Feind der ganzen Welt macht – und wie sein allgegenwärtiges Bild auch ihren Erfolg als Einwanderer verschattet. Sie müssen immer öfter ihren deutschen Freunden ein Iran erklären, das ihnen selber umheimlich geworden ist.

»Ich muss sehr aufpassen, dass ich nicht depressiv werde«, sagt Wahied Wahdath-Hagh. Der Politikwissenschaftler arbeitet im Berliner Büro vom Memri, einem Institut, das die Medien des Nahen Ostens beobachtet, auswertet und übersetzt. Wahdath-Hagh ist Spezialist für die persische Presse. Er lebt seit über 30 Jahren in Deutschland, doch von Iran kommt er nicht los. Sein Vater war in den Sechzigern als Militärattaché nach Deutschland gekommen. Man gehörte zur Elite Irans, stand aber als Anhänger der Bahai-Religion zugleich auch am Rande. Der Vater wurde 1982 von den Mullahs als prominente Figur der Bahai-Gemeinde hingerichtet. Wahieds Doktorarbeit über den »religiösen Totalitarismus« der Islamischen Republik – ein Monument für den ermordeten Vater und eine Warnung vor dem System – ist vor drei Jahren erschienen, als viele deutsche Politiker noch an die Reformierbarkeit Irans glaubten. Wahied Wadath-Hagh hat allerdings keine rechte Freude daran, dass seine finstere Sicht sich heute durchzusetzen scheint.

Abbas Maroufi hingegen kann eine gewisse Genugtuung darüber nicht verbergen, »dass die schöne Fassade des Regimes endgültig kaputt ist«. Ahmadinedschad, sagt er, »hat dem Regime den Tschador vom Kopf gerissen«. An den »kritischen Dialog« hat er nie geglaubt: »Wie kann man einen Dialog mit einem Regime haben, das mit seiner eigenen Bevölkerung keinen Dialog führt?«

Maroufi ist einer der bekanntesten Schriftsteller Irans. Seine gesellschaftskritischen Romane sind an der Literatur der Moderne geschult. Maroufis Zeitschrift Gardun war in den Neunzigern ein Forum der demokratischen Opposition. 1996 wurde sie geschlossen und Maroufi zu Haft und Peitschenhieben verurteilt. Er bekam Asyl in Deutschland, wo er nun mit seiner Frau und drei Töchtern seit zehn Jahren wohnt, zuerst in Düren, dann in Berlin. Jahrelang musste er von Nachtdiensten in einem Wandlitzer Hotel leben. Ans Schreiben war dabei nicht zu denken. Diese Zeit habe ihn »krank gemacht«, sagt er. Mit der Buchhandlung fing vor drei Jahren ein neues Leben an. Seine Romane erscheinen heute bei Suhrkamp, zu seinen Lesern in Iran hält er per Internet Kontakt. Durch sein viel beachtetes Weblog ist er in der iranischen Öffentlichkeit präsent.

Er habe Angst vor einem Krieg, sagt er, nicht zuletzt wegen seiner in Teheran zurückgebliebenen Eltern und Geschwister. Das Regime suche den Konflikt, um seine innere Schwäche zu überspielen, glaubt Maroufi. Ein Krieg würde ihm nützen. Der Westen solle sich hüten, in diese Falle zu gehen. Die Propaganda der Regierung, die das Atomprogramm als Frage nationaler Ehre hinstellt, kritisiert er. »Ein Regime, das seinen Bürgern die Menschenrechte vorenthält, kann kein Recht auf ein Atomprogramm beanspruchen«, hat er in einem Essay geschrieben. Er wird lange nicht zurückgehen können. »Ich bin ein iranischer Deutscher«, sagt Maroufi. »Mein Leben ist hier.«