Dieser Roman schreibt eine ganz und gar unglaubliche Geschichte. Vom Fußball, von Untoten, von der Magie des Urwalds, von einem Torwart und über jenen Zauber, der tausendmal am Tage überall auf der Welt in dem Moment entsteht, wenn ein Fuß einen Ball berührt, über den Augenblick, der jeden Spieler mit allen Fußballfantasien verbindet. Wenn irgendein Junge den Aufschrei der unsichtbaren Zuschauer hört, die imaginäre La-Ola-Welle sieht, wenn er den Ball volley ins nicht existierende Netz schlägt, wenn das Geisterpublikum den eigenen Namen skandiert, weil ein Fallrückzieher gelingt. Ganz gleich, wo der einsame Star anschließend allein im Staub liegt, in einer Sackgasse in Gelsenkirchen, einer Siedlung in Afrika oder auf einer Dorf-Plaza in Südamerika. Berührt der Ball den Fuß, ist der Kreis geschlossen.

Der Anfang ist ganz prosaisch: In der Redaktion einer südamerikanischen Zeitung interviewt ein Sportjournalist zwei Tage nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft den Helden des Spiels, den Torwart El Gato, die Katze, der in einer langen Nacht dem Reporter sein Leben erzählt. Es beginnt in einem Dorf am Rande der Welt, genauer, am Rande des Urwalds in einer Holzfällersiedlung, dort, wo die Väter am Morgen in riesige Pick-ups steigen und abends todmüde vom Bäumeschleifen und -sägen wieder heimkehren. »Der Existenzgrund der Stadt war es, Bäume zu fällen.« In diesen schnell hochgezogenen Betonhütten wächst der staksige Junge auf, den sie La Cigüeña, den Storch nennen. Auf deren staubiger Plaza muss er seine ersten Niederlagen einstecken, im einzigen Café des Dorfes steht der Fernsehapparat, der mit Fußballübertragungen die Verbindung zur anderen Welt herstellt. Doch der Junge wählt die andere Richtung, er geht in den Wald, dorthin, wo die Gefahren lauern, all die Geschichten warten, die man Kindern erzählt, um sie vom Wald fern zu halten.

Ein Wagnis, auch für den englischen Autor Mal Peet, der mit Keeper, seinem ersten Roman für Jugendliche, ein Terrain betritt, das dem magischen Realismus eines Gabriel García Márquez näher steht als den üblichen Aufstiegs-Neid-Fall-Erfolgsgeschichten der aufblühenden Fußballliteratur für den Nachwuchs. El Gato betritt den Wald und findet dort eine Lichtung – undenkbar –, ein verwittertes Tor aus zwei Pfosten, Latte und straff gespanntem Netz. Und an diesem Tor steht eine verschwommene Gestalt, ein Keeper mit Strickpullover und langen Shorts, schweren Lederstiefeln und einer altmodischen Schlägermütze, die seine Augen verdecken. Der Schrecken verwandelt sich in Faszination, der Keeper lehrt den Jungen das Spiel. Zwei Jahre lang, jeden Nachmittag geht er in den Wald, trifft den Keeper, lässt sich zeigen, was man lernen muss, um zu erfahren, wohin man gehört.

Der Keeper bringt ihm das Sehen bei, wie man sich aus verschiedenen Perspektiven umkreist, bis man sich selbst im Tor erkennt, bis er instinktiv dessen Maße erfasst. »Bevor du den Raum, in dem du stehst, nicht in Besitz genommen hast, geht gar nichts.« Er lehrt ihn, den Körper des Angreifers zu lesen, aus dem Senken der Schulter die Richtung des Schusses abzuleiten, das bewusste Aufnehmen wieder ins Unbewusste zu lenken. Und so erinnert der Roman ganz beiläufig an die Schule des Bogenschießens, an die Kunst, ein Motorrad zu warten, an all die Dinge, denen man mit Respekt begegnen sollte.

Doch verflüchtigt sich der Keeper nie ins Esoterische oder Belehrende, bleibt er ganz real im Holzfällerdorf. El Gato lebt auf, wenn er im Tor der Campmannschaft steht und die Psychologie des Spiels mit der Brutalität der Stollen eines Fußballschuhs konfrontiert wird. Es ist die Balance zwischen Ballintelligenz und Theorie, die dieses Buch in ständiger Spannung hält, zwischen dem »Lesen« eines Spiels und dem puren Genuss des Erfolges. Manchmal ist man fast versucht, diesen Roman als Vademecum vor dem drohenden Geschwätz der kommenden WM-Monate zu empfehlen, Jugendlichen zu zeigen, dass Fernsehübertragungen wenig mit dem Spiel zu tun haben, dass Kameras wie Kinder dem Ball hinterherlaufen, ohne Verstand und Sinn. Vielleicht auch, um in Erinnerung zu rufen, dass man »Lesen« lernen muss. Vermutlich vergeblich. Dafür weiß der Reporter, was er von den Spielern zu erwarten hat. »Mit dem Schweiß dieser Männer tropfen die Klischees herab.«

Die Crux aller Sportromane – nicht nur für Kinder und Jugendliche –, liegt in der Dramaturgie des Spiels samt Regeln und Personal. Da der Rhythmus des Lebens quer zum Zeitgefühl des Spiels läuft, bürgt dies zwar für erholsame Sinnfreiheit des Sports, führt aber auch zur Beliebigkeit im Roman. Ob Einwurf, kurze Ecke, Freiwurf oder Homerun, die Wahl der Waffen hat in Sportromanen oft wenig mit der Geschichte zu tun, und so wirken die Schilderungen der Spiele meist aufgesetzt und unverbunden – ob Fußball, Hockey, Basketball oder Baseball – nach dem Sport ist vor dem Leben.