Ein wundersames Buch. Und sehr anders. Handlung gibt es fast keine, dafür handelt es von umso gewichtigeren Dingen, vom Leben zum Beispiel und vom Tod und den Toten und von Jesus und davon, was das alles miteinander zu tun hat. Oder besser: zu tun haben könnte. Denn über alldem und um all das herum ist ein herzlicher Humor, der das Ganze auch da, wo es wirklich ernst ist – und wahrscheinlich ist es das fast das ganze Buch über –, nicht ins Bierernste kippen lässt. Würde Jean Paul heute schreiben, schriebe er vielleicht wie Sibylle Lewitscharoff.

Vor dem Bierernst bewahren im Übrigen auch die sechs oder sieben Wodka, die der Lehrer Ralph Zimmermann hier im Café Rösler in Stuttgart an einem vier Stunden langen späten Vormittag verlötet, am Samstag vor dem Palmsonntag 2004, ehe er nach einem längeren Gang durch den Schnee am Schluss des Buches ins Weinhaus Fröhlich einkehrt. Womit denn auch die Handlung so ziemlich erzählt wäre.

Aber natürlich kann niemand allein im Café sitzen, ohne dass er nicht von der ersten Minute an, um 10.01 Uhr in diesem Fall, bis zur letzten, 14.16 Uhr, vor sich hin und in sich hinein monologisierte. Vor allem aber stellt sich sehr rasch heraus, dass dieser hier gar nicht allein ist. Nein, nicht wegen der Gäste oder der Kellnerin, sondern weil wir es mit einem äußerst belesenen Lehrer zu tun haben, nicht umsonst sind Deutsch und Geschichte seine Fächer: Jürg Laederach und Peter Handke kommen ihm in den Sinn, Michaux und Strindberg, Rilke und Benn, um nur einige zu nennen, nicht zuletzt Flann O’Brien, der halbe George-Kreis und Martin Luther, Letzterer als Autor ebenso wie als Übersetzer. Und als Übersetzer natürlich vor allem jener vier Herren, die uns – jeder auf seine Weise – in einer Art sakrifizierendem Wettbewerb dieselbe Geschichte erzählt haben, die in diesem Buch noch wichtig sein wird.

Das zum einen. Zum andern aber ist er nicht allein – und das ist nun der Punkt –, weil auch seine Toten da sind, jawohl. Sehen kann man sie zwar nicht, aber sie sind da, wuseln und huschen herum, unterm Tisch und zwischen den Tischen, oben und unten, und sie mischen sich ein in den Monolog, indem sie ihn kommentieren und gern auch mal richtig stellen. Ralph, der sich selbst auch Peha-Ralph oder einfach Ralphi nennt, weiß sie um sich, aber er hört sie nicht. Wir aber haben zum Glück Sibylle Lewitscharoff.

Wie fein die Toten hören!, so fängt’s an, und gleich wird uns gezeigt, dass hier jemand erzählt, der/die etwas weiß, was gewiss nicht alle wissen. Sie sieht beide Seiten, den einsamen Sinner und Säufer und auch dessen Lebensmenschen, die da bei ihm sind. Die beiden Eltern etwa, die vor zwei Jahrzehnten auf einer unnötigen Afrika-Reise verunglückt sind. Ralphi ist selber ja schon Mitte 50, aber seine Eltern sind ihm in ihrer sanften Freundlichkeit gegenwärtig wie am ersten Tag. Und das ist auch seine Liebste, Joey, aus deren Augen er einst im Traum kornblumenblaue Dunkelheit hat strömen sehen. Sie ist ebenfalls schon lange tot, was leider auch mit Ralph zu tun hat, aber sie hat Ralphi-Darling die Liebe gezeigt, wie könnte er sie vergessen? Sängerin war sie, er hat sie auf einer langen Tournee mit der Band begleitet, und auch wenn sie nicht den ganz großen Erfolg hatte – in Wahrheit war’s wohl nicht einmal der mittlere –, sie war in der Factory gewesen, in ebenjener, und darum sind Andy (Warhol) und Jim (Morrison) und Edie (Segdwick) jetzt auch unter den Huschern und Wuslern im Café Rösler in Stuttgart.

In der Nacht stülpt sich der inwendige Mensch nach außen