Eine früh verstorbene Gattin, ein nahezu fetischistischer Reliquienkult, eine verregnete, menschenleere Stadt: Diese Mischung zeichnet Rodenbachs Erzählung von 1892 aus, in der alles in die eigene melancholische Schönheit versunken zu sein scheint: das flämische Brügge, das einem verfallenen Friedhof gleicht, einem Denkmal seiner selbst, sowie der verzweifelte Witwer Hugues Viane, der sein Leben der Trauer weiht und dem der Schmerz »zur Religion« geworden ist: Bruges-la-Morte ist ein Buch von Respekt einflößender Schwermut.

Hugues’ Sehnsuchtsriten werden eines Tages gestört, plötzlich taucht eine Doppelgängerin der abgöttisch geliebten Toten auf, aber skurrilerweise wird dadurch die Vergänglichkeit nicht aufgehoben, sondern zementiert, denn Hugues liebt an der Neuen nur das Ebenbild der Verstorbenen, das kann nicht gut gehen. In einem Anfall von Wahn bringt er sie um, im Mai, am Tag der Heilig-Blut-Prozession.

Die erste Übersetzung von 1903 (Das tote Brügge, Reclam) hat den naturgetreuen Fin-de-Siècle-Ton, die zweite von Dirk Hemjeoltmanns (Brügge, tote Stadt, 2003, Manholt) ist genauer, aber nüchterner. Die dritte nun sucht den marmornen, kostbaren Ausdruck, aber Rodenbachs Freund Mallarmé schrieb ja auch über Bruges-la-Morte ungefähr, hier münde das Gedicht in den Roman. – Georges Rodenbach, vor gut 150 Jahren im belgischen Tournai geboren, starb 1898 in Paris an der Schwindsucht.