DIE ZEIT: Herr Zimerman, Sie haben mal eine Rechnung aufgestellt, die ging so: Von hundert Prozent Ihres Repertoires spielen Sie zehn Prozent öffentlich in Konzerten. Und von diesen zehn Prozent nehmen Sie wiederum nur zehn Prozent auf Schallplatte auf…

Krystian Zimerman: Die Rechnung stimmt nicht mehr. Meine letzte Solo-Aufnahme bei der Deutschen Grammophon war 1991. Was das angeht, sind es also nicht mehr zehn Prozent, sondern null Prozent!

ZEIT: Und damit sind Sie zufrieden?

Zimerman: Ich habe kein Problem damit. Manchmal nehme ich etwas auf, aber spreche mich gegen eine Veröffentlichung aus, weil ich das Resultat nicht so wertvoll finde, dass man es unbedingt veröffentlichen müsste, oder weil es andere Aufnahmen gibt, die besser sind. Deswegen sehe ich keinen Grund, mit einer Platte herauszukommen. Ich brauche das nicht für meine Befriedigung.

ZEIT: Immerhin ist jetzt eine neue CD mit Ihnen erschienen: Sie spielen das d-Moll-Klavierkonzert von Brahms mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Ganz gegen Ihre Gepflogenheiten haben Sie dieses Stück sogar schon zum zweiten Mal aufgenommen. War der Flügel dieses Mal besser als der, über den Sie 1983 nach der ersten Aufnahme mit Leonard Bernstein und den Wiener Philharmonikern so geschimpft hatten?

Zimerman: Viel besser.

ZEIT: Wieso eigentlich?

Zimerman: Die alte Aufnahme war von A bis Z schief gegangen. Mein Gefühl kam nie an. Mein eigener Flügel ging beim Transport kaputt, und der in Wien war irgendwie für einen Mozart präpariert, er wurde beim Spielen immer nur härter, aber nicht lauter. Die Aufnahme wurde außerdem für das Fernsehen mitgeschnitten, es waren 50 Grad im Raum. Ich musste erleben, dass mein künstlerisches Konzept unter diesen Umständen gar nicht machbar war. Ein richtiges Musizieren mit dem Orchester war ebenso ausgeschlossen wie eine vernünftige Produktion.

ZEIT: Und ausgerechnet diese CD, die Sie total misslungen fanden, hat sich dann sehr lange im Katalog gehalten. Sie lag als eine der raren Krystian-Zimerman-Platten in den Läden.

Zimerman: Dazu kann ich nichts sagen. Ich habe die Aufnahme nie wieder gehört.

ZEIT: Das behaupten Künstler immer.

Zimerman: Ich schwöre Ihnen, dass ich sie nicht gehört habe. Ich wollte sie anhören, bevor ich das Stück erneut aufnehme, aber ich habe es geschafft, das nicht zu tun.

ZEIT: Sie haben an anderer Stelle erzählt, dass Sie sich vor der neuen Aufnahme mit Rattle etwa 80 Aufnahmen des Brahms-Konzertes angehört haben, um sich zu orientieren. Und da haben Sie ausgerechnet Ihre eigene bewusst ausgenommen?

Zimerman: Ich habe sie später eher zufällig gehört bei einer Sitzung mit Studenten. Ich habe sie lange nicht erkannt, bis die Stellen kamen, die nur ich so mache.