Wenn in Deutschland über die Rolle Italiens im Zweiten Weltkrieg gesprochen wird, so denkt man zunächst einmal an den Seitenwechsel Italiens im Herbst 1943. In jüngster Zeit präsentierte die Forschung zudem die hernach von Deutschen in Italien begangenen Kriegsverbrechen, eingeschlossen die grausame Behandlung der italienischen Militärinternierten in deutschem Gewahrsam.

Merkwürdiger Weise finden sich in Italien ähnliche Erinnerungsmuster: Man spricht nicht über die eigene Täterschaft, sondern erinnert an das unter der deutschen Besatzung erlittene Leid. Lange Zeit vermischte sich dieses Bild mit einer beschönigenden Sicht der faschistischen Ära insgesamt sowie mit einer Selbstdarstellung der Italiener als freundliche, Mandoline spielende Angehörige einer friedlichen Nation. Erst nach dem Ende des Kalten Krieges begann sich in Italien allmählich eine kritischere Beschäftigung mit der Mussolini-Diktatur durchzusetzen. Wegbereiter waren Historiker wie Angelo Del Boca und Giorgio Rochat, zwei Pioniere der zeitgeschichtlichen Forschung. Auf ihren Arbeiten aufbauend, unternimmt es nun der Schweizer Historiker Aram Mattioli, mit einer faktengesättigten und blendend geschriebenen Darstellung des italienischen Krieges gegen Abessinien (1935 bis 1941) den historischen Tatsachen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Mit Flammenwerfern und Giftgas gegen Barfußsoldaten

Die wichtigste Erkenntnis lautet: Das faschistische Italien führte 1935/36 einen von langer Hand geplanten Angriffs- und Eroberungskrieg gegen den von Kaiser Haile Selassi I. regierten ostafrikanischen Staat Abessinien. Da beide Länder Mitglieder des Völkerbundes waren, stellte dieser Krieg die erste demonstrative Sprengung des damaligen Systems der kollektiven Sicherheit dar. Mussolini wollte »Lebensraum« in Afrika erobern und ein neues römisches Imperium schaffen, und er fand dafür die begeisterte Zustimmung der italienischen Bevölkerung. Dem Eroberungskrieg schloss sich eine fünfjährige Besatzungsherrschaft an, die sich durch eine in Kolonialkriegen bis dahin nicht gekannte Brutalität auszeichnete. Etwa 200000 Opfer kostete Äthiopien die Besatzungszeit, gegenüber etwa 25000 Getöteten auf der italienischen Seite.

Es handelte sich um einen ganz und gar asymmetrischen Konflikt. Unter ihrem Oberbefehlshaber Pietro Badoglio setzten die Italiener Panzer, Bombenflugzeuge, Flammenwerfer und Giftgas gegen einen in jeder Hinsicht unterlegenen Gegner ein, der sein überfallenes Land zu verteidigen versuchte. Die Bewohner des ostafrikanischen Staates sahen zum ersten Mal Flugzeuge. Die Soldaten kämpften barfuß und mit Speeren. Dem von den italienischen Militärs systematisch eingesetzten Giftgas waren sie hilflos ausgeliefert. Trotz ihrer militärischen Überlegenheit lehnten die italienischen Militärs jegliche Bindung an das Kriegsvölkerrecht ab. Es ist durchaus nicht falsch, von einem rassisch motivierten Ausrottungskrieg zu sprechen. Gleichwohl gab es in Italien starke Kräfte, die es über Jahrzehnte hinweg verstanden, die Legende von einem »sauberen Krieg« in Abessinien am Leben zu halten.

Aram Mattioli sieht die internationale Bedeutung des Krieges nicht so sehr im Kontext der Kolonialgeschichte. Vielmehr ordnet er ihn in die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges ein. 1939 bis 1944 führte Nazi-Deutschland im Osten und im Südosten Europas rassenideologisch motivierte Vernichtungskriege. Der bewaffnete Konflikt auf dem Territorium des ostafrikanischen Kaiserreichs Abessinien stellte somit ein »Experimentierfeld der Gewalt« dar, für das sich seinerzeit auch deutsche Strategen interessierten. Wer noch heute von einem »humanen italienischen Kolonialismus« redet, befindet sich nicht auf dem Stand des Wissens.