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Für die Versammlung hatte sich die neue Präsidentin einen ungewöhnlichen Ausflug ausgedacht. Um den 600 Delegierten ihres Verbandes etwas anderes zu bieten als die üblichen Kongresshallen, lud sie Anfang dieses Jahres zur Eisenbahnfahrt in die Provinz. Ziel war eine Fabrikanlage in der Franche-Comté, aber eine sehr berühmte: das königliche Salzbergwerk von Arc-et-Senans, jene monumentale Idealstadt aus der Frühzeit der Industrialisierung, die mit ihren Säulenfronten und Tempelgiebeln zum Weltkulturerbe gehört. Auch wenn sie keine Kunsthistoriker unter ihren Gästen hatte, wusste die Arbeitgeberchefin, warum sie diesen Ort gewählt hatte: »Ich möchte zeigen, dass Arbeit und Kultur zusammengehören und auch die Produktion ihre Schönheit hat.«

Die Botschaft von Laurence Parisot kam bei den Firmenbossen bestens an. Aufgekratzt wie eine Schulklasse auf Wandertag, feierten sie ihre Präsidentin als Heldin einer schönen neuen Wirtschaftswelt. Zum Kongress gab es Bühneneinlagen nach Art amerikanischer Nummernshows mit frischem Personal aus der Zukunft des Unternehmertums: farbige Existenzgründer aus den Banlieues, Frauengruppen aus dem Baugewerbe, Schüler mit Miniunternehmen und immer wieder umtriebige Mittelständler mit packenden Erfolgsgeschichten. Es war, als wollte die Präsidentin den Chefs vor Augen führen, dass »Boss« im Französischen von bosser, malochen, kommt.

Noch vor kurzem galt der 750000 Mitglieder zählende französische Unternehmerverband Mouvement des entreprises de France (Medef) als der archaischste Club der Republik. Er war die Trutzburg großindustrieller Patriarchen, die erbittert ihre Standesinteressen verteidigten und sich um öffentliche Sympathien wenig scherten. Schuld daran war vor allem der bisherige Arbeitgeberpräsident Ernest-Antoine Seillière. Der adlige Nachfahre einer Schwerindustriellen-Dynastie hatte die Interessen der französischen Wirtschaft stets hochherrschaftlich vertreten und sich mit heftigen Ausfällen gegen Regierung und Gewerkschaften unbeliebt gemacht.

Das könnte sich mit der 46 Jahre alten Laurence Parisot nun ändern. Seit ihrer Wahl im vergangenen Jahr genießt die Kommunikationsexpertin aus der mittelständischen Wirtschaft Zuspruch bei Freund und Feind. Von ihrer »Jugendlichkeit und Freimütigkeit« schwärmt Pascal Nègre vom Musiklabel Universal, und Jackie Pellieux von der Spielwarenkette JouéClub findet sie »mutiger als alle Männer«.

Frankreichs Arbeitsgesetze empfindet sie als »kafkaesk und unlesbar«

Erstaunlicherweise zeigen vor allem Gewerkschafter Respekt. »Bislang war der Medef eine Kampfmaschine«, meint Bernard van Craeynest von der Angestelltengewerkschaft CFE-CGC, »mit Laurence Parisot deutet sich eine Öffnung für das Gemeinwohl an.« Marie Toulisse von der christdemokratischen Gewerkschaft CFDT sieht in der neuen Präsidentin »keine Ideologin, sondern eine Realistin, mit der man leicht sprechen kann, weil sie schnell begreift«. Und Jean-Christophe Le Duigou von der kommunistischen Gewerkschaft CGT konstatiert immerhin: »Sie ist anders als ihre Vorgänger – viel aufmerkamer und ruhiger.«

So viel gefühlter Unterschied gegenüber dem Ancien Régime kann gar nicht sein. Denn eigentlich ist Laurence Parisot das Ziehkind ihres Amtsvorgängers, der seine Favoritin gegen schwergewichtige Gegner durchgeboxt hatte, unter anderem gegen Exwirtschaftsminister Francis Mer. Doch bei aller Protektion besitzt Laurence Parisot genügend eigene Überzeugungskraft. Für ihre Wahl hatte sie alle 45 Mitglieder des Medef-Exekutivrates zweimal aufgesucht. Vor allem mobilisierte sie die Landesverbände in der Provinz für sich, die schon immer gegen das Diktat der Pariser Zentrale kämpften.

»Frankreichs Zukunft liegt in der Provinz«, sagt Laurence Parisot, Tochter eines Möbelfabrikanten aus der Franche-Comté. Schon vor ihrem Politik- und Jura-Studium arbeitete sie in der Geschäftsführung des Familienbetriebs mit. »Ich bin in das Unternehmertum gefallen wie Obelix in den Zaubertrank«, erklärt die Wassersportlerin und Maserati-Fahrerin ihren Drang, ein eigenes Firmenimperium aufzubauen. Mit 26 stieg sie als Miteigentümerin beim Pariser Meinungsforschungsinstitut Louis Harris ein, kaufte später dessen Konkurrenten Ifop und erwarb nach dem Tod ihres Vaters eine zweite Möbelfabrik.

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Über ihr Familienvermögen, das auf hundert Millionen Euro geschätzt wird, kursieren nur Gerüchte, ebenso über ihre Geschäftsmethoden; Konkurrenten klagen, sie schrecke nicht vor Dumpingpreisen und Lohndrückerei zurück. Ihre Wahlkampagne für den Medef führte sie mit der provokanten Formel: »Die Gedankenfreiheit endet dort, wo das Arbeitsrecht beginnt«. Im Kampf gegen das französische Sozialmodell legt sie sich regelmäßig mit der Regierung an, deren Gesetze sie »kafkaesk und unlesbar« nennt.

Beruhen die Vorschusslorbeeren also auf einem Missverständnis? Ist Laurence Parisot doch eine Ultraliberale, die nur von einer Art Merkel-Effekt profitiert, dass die Leute sie nach langem Frust um jeden Preis gut finden wollen? In der Tat können Besucher das Frösteln bekommen, wenn sie die kahle Bürosuite der Präsidentin betreten, die im Obergeschoss des Unternehmerverbandes nahe des Invalidendoms liegt.

Doch da steht kein eiskalter Karrieretyp im Chefzimmer, sondern eine zurückhaltende, zierliche Frau im unauffälligen Hosenanzug, die aus großen blauen Augen völlig allürenfrei in die Welt schaut. Mit ihrem blassen Teint und der brünetten Pagenfrisur wirkt die 1,60 Meter kleine Präsidentin wie eine Mischung aus Françoise Sagan und Colette. Erst beim zweiten Blick fällt auf, dass persönlicher Wandschmuck in einer Zimmerecke hängt: dadaistische und surrealistische Bilder von Marcel Duchamp und Jean Cocteau. Warum gefällt ihr eine Kunst, die den ästhetischen Wert eines Propellers oder Urinals erkannte? »Aus Liebe zur radikalen Innovation«, sagt sie. »Diese Künstler haben den Konformismus bekämpft, aber nicht nihilistisch, sondern erfinderisch.«

Sie ist bekannt für ihre gekonnte Mischung aus Neugierde und gespielter Naivität. Mit diesem Understatement hat sie schon viele Gegenspieler dazu verleitet, sie gefährlich zu unterschätzen. »Man muss gelegentlich kämpferisch sein«, sagt die Bossin der Bosse, »aber das ist ein Mittel, kein Selbstzweck.« Den Hauptvorteil von Frauen sieht sie in deren »optimistischerem Blick auf die Zukunft«. Zur Genüge hat sie erfahren, wie sehr Frauen ab einer gewissen Verantwortungsebene angefeindet werden: »Anders als Männern werden uns nicht einmal die kleinsten Fehler verziehen.«

In Deutschlands Tarifrecht sieht sie ein Vorbild

Als erste Amtshandlung erließ sie ein Rauchverbot im Unternehmerverband und ersetzte die Aschenbecher im Vestibül durch Blumen. Gewerkschaftsvertreter empfängt sie nicht mehr im fensterlosen Kellersaal, sondern im Chefzimmer mit Blick auf den Eiffelturm. Nebenbei sorgte sie für eine Feminisierung der Führungsetage und besetzte die Hälfte der Posten mit Frauen.

In ihrer Altbauwohnung an der Sorbonne-Universität hat sich Parisot das Gegenbild zur Kälte der Konkurrenzwelt geschaffen: eine elegante Bonbonniere, voll gestopft mit Souvenirs, Sammlerobjekten und einer mächtigen Wurlitzer-Musikbox. Die Verbandschefin liebt Streifzüge bei Pariser Antiquitätenhändlern und klagt über den Mangel an Grün und Vogelstimmen in der Hauptstadt. Ihre Terrasse hat sie mit Kletterpflanzen und Jasminbüschen in einen ländlichen Garten verwandelt, in einer Voliere lärmen Wellensittiche. Zum Klavierspielen auf ihrem Flügel findet die Liebhaberin von Jazz und Boogie-Woogie allerdings keine Zeit mehr.

Ihr Arbeitstag, sagt sie, reiche von morgens um sieben bis nachts um elf. Größtes Feindbild ist der zweieinhalb Kilo schwere französische Code du Travail. »Unser Arbeitsrecht ist in 40 Jahren um 800 Seiten gewachsen, das sind 40 Seiten pro Jahr, eine pro Arbeitswoche.« Das Gesetzbuch, einst für Lebensarbeitszeitplätze in der Großindustrie geschaffen, führt für Laurence Parisot mittlerweile zu einer »Verbeamtung« der Arbeitnehmer. »Alles Wichtige im Leben ist wechselhaft und riskant: die Gesundheit, das Glück, die Liebe – warum sollte es mit der Arbeit anders sein?« Und gegen die Furcht vieler Menschen, sich selbstständig zu machen, setzt sie ihren Grundsatz: »Ein Leben ohne unternehmerische Lust ist wie ein Leben ohne Hoffnung.«

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Das Gleichheitsdenken des Gesetzgebers treibt ihr tiefe Zornesfalten auf die Stirn. »Betriebe und Gewerkschaften sollten Arbeitszeit und Löhne individuell nach Branchen und Konjunktur bestimmen – wie in Deutschland.« Die Regierung hat etwa den Mindestlohn und die 35-Stunden-Woche vorgeschrieben. Bei Frankreichs Politikern missfällt ihr die Unkenntnis der wirtschaftlichen Spielregeln: »Unserer Staatsspitze fehlt die Vielfalt, was Geschlecht, Ausbildung und berufliche Erfahrungen angeht.« Auch für die Abneigung der Franzosen gegen den freien Markt hat sie eine Erklärung: »Wir sind eine bäuerlich geprägte Nation, die geografisch äußerst begünstigt und reich ist, aber keine Händlertradition hat.« Der Wohlstand habe die Franzosen von der Konfrontation mit der Außenwelt abgehalten und auch die heutigen Globalisierungsängste geschürt.

Über die international höchst erfolgreichen französischen Auto-, Pharma-, Lebensmittel-, Finanz- und Luxusgüterkonzerne macht sich Laurence Parisot keine Sorgen, wohl aber um den Mittelstand. »Gegenüber dem Ausland haben Unternehmer bei uns große Schwierigkeiten, jene kritische Schwelle zu erreichen, um sich im Wirtschaftsleben zu behaupten«, sagt sie. Politisch lässt sich Parisot von keiner Partei vereinnahmen und pflegt ebenso Kontakte zur Präsidentengattin Bernadette Chirac wie zur Sozialistin Ségolène Royal. Aber eigentlich setzt sie große Hoffnungen in den radikalen Erneuerer Nicolas Sarkozy, der mit der Flickschusterei der Regierung aufräumen und Frankreich zu einer liberalen Ökonomie umbauen will. Zwar verteidigt sie das jüngste Reformprojekt des Premierministers, der die Jugendarbeitslosigkeit mit flexibleren Arbeitsverträgen bekämpfen will. Aber insgeheim versteht sie die massiven Studentenproteste gegen die Ungleichbehandlung und fordert einen einheitlichen abgespeckten Vertrag für alle.

Früher einmal ist sie in den Sümpfen von Louisiana Wasserski gefahren, ohne sich um die Alligatoren zu kümmern. Gegen ähnliche Gefahren im Unternehmerverband habe sie sich allerdings gewappnet: »Ich werde mich nicht auffressen lassen, weil ich nicht allein bin.«