Das Augustinum im Münchner Osten, ein Altersheim der gehobenen Klasse: Im 12. Stock wohnen auf 81 Quadratmetern seit drei Wochen Hans-Jochen und Liselotte Vogel. Er wurde mit 34 Münchner Oberbürgermeister, war später Bundesminister, Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender der SPD, für kurze Zeit Regierender Bürgermeister von Berlin. Sie hat sich immer von der Öffentlichkeit fern gehalten, auch für dieses Interview wollte sie sich lieber nicht fotografieren lassen. Vor kurzem ist Hans-Jochen Vogel 80 geworden, mit seiner ein Jahr jüngeren Frau Liselotte ist er seit 34 Jahren verheiratet. Es ist kurz nach elf am Vormittag, Hans-Jochen Vogel öffnet die Tür. Er trägt Sakko und Krawatte.

Hans-Jochen Vogel: Grüß Gott, meine Herren, treten Sie doch ein. Meine Frau verspätet sich etwas, sie ist noch bei der Gymnastik. Vielleicht setzen wir uns hier an diesen kleinen Tisch? Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Ich muss die Gläser erst noch suchen, so kurz nach dem Einzug.

DIE ZEIT: Haben Sie sich schon an Ihr neues Zuhause gewöhnt, Herr Vogel?

Hans-Jochen Vogel: Es dauert nach Umzügen immer eine gewisse Zeit, sich einzuleben, aber wir haben das einigermaßen geschafft. Natürlich müssen wir uns an den Rhythmus hier gewöhnen. Das Mittagessen beginnt um zwölf, und um eins muss man spätestens unten im Saal sein. Na ja, die meisten Menschen hier müssen wir auch erst kennen lernen. Meine Frau und ich haben jedenfalls festgestellt, dass wir hier zu den Jüngeren gehören. Hier sind wir sozusagen die Jugend. Das ist eine Erfahrung, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe.

ZEIT: Warum sind Sie jetzt ins Altersheim gezogen?

Hans-Jochen Vogel: Den Antrag haben wir vor vier Jahren gestellt, als meine Frau zunehmend Schwierigkeiten hatte, die lange und enge Treppe hinaufzusteigen, die zu unserer Wohnung in München geführt hat. In den letzten Jahren habe ich sie immer mit ihren Einkaufstüten unten abgeholt. Das wurde doch sehr mühsam. Man meldet sich also an und wartet, bis eine Wohnung frei wird. Und wann wird eine Wohnung frei? Wenn jemand stirbt. Als wir hier eingezogen sind, war die Wohnung schon leer, nur ein Foto hing noch an der Wand, das den Vormieter zeigte, im Rollstuhl.

ZEIT: Was dachten Sie, als Sie das Foto sahen?

Hans-Jochen Vogel: Ach, ich neige nicht zur Melancholie. Der Umzug war eine Kopfentscheidung. Man sollte diesen Schritt tun, solange man noch einigermaßen beieinander ist. Wenn man wartet, bis es nicht mehr anders geht, dann ist man in einem Zustand, in dem man kaum noch Einfluss nehmen kann und keine Zeit mehr hat, mit den Menschen bekannt zu werden.

Die Tür wird geöffnet, Frau Vogel ist zurück von der Gymnastik. Sie ist klein und unauffällig gekleidet. Sie setzt sich und hält sich zunächst im Hintergrund.

ZEIT: Frau Vogel, wir sprachen gerade von Ihren neuen Nachbarn. In einem der wenigen Interviews, die Sie gaben, haben Sie einmal gesagt, dass Sie nicht leicht Freundschaften schließen.

Liselotte Vogel: Wissen Sie, Freundschaft schließen in unserem Alter, das ist ein großes Wort. Man geht hoffentlich liebenswürdig miteinander um, aber ob das gleich Freundschaft ist? Wenn man allein wäre, ist das vielleicht anders. Aber wir sind in der glücklichen Lage, zu zweit zu sein. Übrigens sind die meisten Nachbarn Frauen, sie machen 70 Prozent der Bewohner aus.

Hans-Jochen Vogel: Unsere Nachbarin ist eine 92jährige Dame mit einer Frische und Lebendigkeit, dass ich sie für eine Endsiebzigerin gehalten habe…

Liselotte Vogel: …sie geht jeden Morgen schwimmen und ist oft unterwegs, wenn man sie besuchen möchte. Eine unglaublich vitale Frau!

ZEIT: Wie sieht ein ganz normaler Tag im Leben der Vogels heute aus?

Hans-Jochen Vogel: Er beginnt um sieben Uhr mit einem Frühstück. Das ist ein bisschen später als in früheren Tagen. Ab neun Uhr führe ich Telefonate, eine Kollegin von früher hilft mir bei der Arbeit. Es gibt ja einiges zu tun, Korrespondenz führen, Termine planen, gelegentlich Vorworte für Bücher schreiben, Vorträge vorbereiten, na und so weiter und so fort. Um halb eins gehen wir runter zum Essen, das dauert eine Dreiviertelstunde. Dann setze ich mich in den Sessel dort drüben im Wohnzimmer und lese die Süddeutsche , immer noch gründlich. Nachmittags dann öfter Außentermine, das dauert ja jetzt etwas länger, aber immerhin braucht die U-Bahn von hier zum Marienplatz nur 14 Minuten…

ZEIT: Man könnte fast glauben, Sie seien gar kein Rentner.

Liselotte Vogel: Ich sehe ihn auch gar nicht so. Nein, du bist kein Rentner.

Hans-Jochen Vogel: Na, im materiellen Sinne schon, aber vielleicht nicht so sehr, was den Lebensstil betrifft.