ZEIT: Ist der Sex in Ihrem Schreiben auch ein Mittel gegen die Vergänglichkeit?

Munro: Guter Gedanke. Kann sein. Wie kommen Sie darauf?

ZEIT: In einem Ihrer Texte, Eine schwimmende Brücke, kommt eine 40-jährige Frau vom Arzt, sie ist todkrank. Dann lernt sie einen sehr jungen Mann kennen, auf einem Spaziergang küssen sie sich. In diesem Kuss liegt ein existenzieller Trost, die Frau verliert die Angst vor dem Tod.

Munro: Ich bin froh, dass Sie diese Geschichte erwähnen. Es ist eine meiner liebsten. Und, ja, das ist tatsächlich eine der Funktionen von Sex: der Sterblichkeit zu entkommen. Für kurze Zeit zumindest. Der Umgang mit der Vergänglichkeit, die Fluchtwege, die man wählt, das ist auch in Tricks ein wichtiges Thema. Es ist in vielerlei Hinsicht mein düsterstes Buch.

ZEIT: Sie sagten mal, es sei auch Ihr letztes Buch.

Munro: Das war eine Lüge! Ich sage schon lange bei jedem neuen Buch, es sei das letzte.

ZEIT: Wie die Rolling Stones. Die sagen auch immer, sie seien definitiv auf der letzten Tour.

Alice Munro: Genau. Ich bin der Mick Jagger der Literatur. Ich schreibe einfach immer weiter.