Bei der Zeitschrift Nature Biotechnology schien man das Ungemach schon im vergangenen Jahr geahnt zu haben. "Wann immer klinische Versuche mit Antikörpern zu unerfreulichen Überraschungen führten", schrieb das Fachblatt im September 2005, seien "unzureichende Kenntnisse der biologischen Funktion ihres Zielpunktes im Körper" die Ursache gewesen. Bei der Therapie mit den potenten Antikörpern, so das Fazit, bewege man sich stets "im Königreich des Ungewissen". BILD

Von dieser Ungewissheit ahnten die acht Männer nichts, die sich vergangene Woche für einen Arzneimitteltest im Northwick-Park-Krankenhaus in London einfanden. Ihnen war nur klar, dass sie ein Medikament erhalten würden, das nie zuvor am Menschen getestet worden war. Mehr als 2000 Pfund sollten sie dafür erhalten. Am 13. März um acht Uhr spritzten die Ärzte sechs der Probanden eine Dosis Antikörper vom Typ TGN1412, die übrigen zwei erhielten zum Vergleich ein harmloses Placebo. Minuten nach der Injektion wanden sich die sechs Männer vor Schmerzen, rissen sich die Kleider vom Leib. Während ihr Kopf und Nacken gespenstisch anschwollen, wurde im Northwick-Park-Krankenhaus der Notstand ausgerufen. Die Unglücklichen wurden auf die Intensivstation verlegt, ratlose Ärzte traten vor die Mikrofone und versuchten vergeblich, entsetzte Angehörige zu beruhigen. Eine Woche nach dem Testschock liegen noch immer zwei der Versuchspersonen im Koma.

Dabei hatte ursprünglich alles so gut ausgesehen. "Nichts wies darauf hin, dass die Substanz so katastrophale Folgen haben würde", sagt Thomas Hünig. Das Entsetzen ist dem Leiter des Instituts für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg anzumerken. Schließlich wurde in seinem Labor die Idee für eine Therapie mit dem verheerenden Antikörper geboren.

Vor fast zehn Jahren begann Hünig mit der Forschung an den vielversprechenden Immuneiweißen (siehe Kasten), aus der später TGN1412 hervorgehen sollte. Betrachtet man normale Antikörper als schmächtige Gehilfen der Körperabwehr, dann entdeckte Hünig mit TGN1412 einen Muskelprotz. Das Eiweiß war offenbar in der Lage, ohne Mithilfe anderer Moleküle direkt das zelluläre Abwehrarsenal (die T-Zellen) des Immunsystems zu aktivieren. Bis dahin hatte man geglaubt, dass diese Zellen stets zwei Signale brauchen, um zu reagieren.

In Ratten beobachtete der Virologe zudem, dass seine Antikörper vor allem jene T-Zellen wecken, die das Immunsystem ausbalancieren und einen Fehlalarm vermeiden. Hünig war begeistert: Die Antikörper könnten womöglich Autoimmunerkrankungen bekämpfen. Tests mit Mäusen und Ratten mit rheumatoider Arthritis oder multipler Sklerose bestätigten seine These – die Nager erholten sich und zeigten keinerlei Nebenwirkungen. "Die ersten klinischen Tests werden sehnlichst erwartet", schrieben Hünig und seine Kollegen noch vor vier Monaten euphorisch. Jetzt rätseln sie, was bei den Probanden in London schief gelaufen ist.

Diese hatten an einer Phase-1-Studie teilgenommen, dem nächsten vorgeschriebenen Schritt nach den Tierversuchen. Dieser erste Test am Menschen, dessen Ergebnis meist nur schwer vorhersagbar ist, ist das kritische Stadium der Medikamentenentwicklung. An gesunden Probanden muss dabei geprüft werden, was der Wirkstoff im Körper bewirkt und, vor allem, wie gut er vertragen wird. Mit TGN1412 trat der medizinische GAU ein: Bei den Probanden im Northwick-Park-Krankenhaus versagten innerhalb weniger Stunden alle lebenswichtigen Organe.

Zum Glück für deutsche Probanden arbeiten hiesige Behörden langsam