Von dem fatalen Ausgang des Menschentests wurde auch das Paul-Ehrlich-Institut völlig überrascht. Gefragt, was man denn tun könne, um ein solches Fiasko künftig auszuschließen, fallen Institutsleiter Löwer und seinem Kollegen allenfalls neue Analysemethoden und gründlichere Tierversuche ein. "Forscher sollten nach Affenarten suchen, deren Immunsystem dem menschlichen noch ähnlicher ist."

Ein gewisses Risiko aber bringt die Forschung immer mit sich. "Jeder Wirkstoff muss irgendwann die Schwelle zur Klinik überschreiten, daran führt kein Weg vorbei", sagt Bernd Mühlbauer, Leiter des Kompetenzzentrums für klinische Studien in Bremen. Und nie könne man garantieren, dass eine Studie gefahrlos sei. Warum allerdings gleich sechs Probanden TGN1412 erhielten, mag dem Pharmakologen nicht einleuchten. Es sei ethisch schwer zu verantworten, mehreren gesunden Menschen einen Wirkstoff zu geben, von dem sie nicht nur keinerlei Nutzen hätten, sondern von dem sie sogar geschädigt werden könnten.

Mühlbauer zieht einen Vergleich zur Krebstherapie. Dort haben Forscher längst eine Alternative zu den Tests an Gesunden entwickelt. "Hochgiftige neue Wirkstoffe zur Krebsbekämpfung werden gleich an Krebspatienten getestet, bei denen keine andere Behandlung mehr hilft und die von dem neuen Mittel profitieren könnten", sagt der Pharmakologe. Ähnlich hätte man es auch mit TGN1412 halten und den Stoff Patienten mit multipler Sklerose oder rheumatoider Arthritis verabreichen sollen, meint Mühlbauer. Solche Probanden hätten zumindest theoretisch von dem Therapieversuch profitieren können. Dadurch wäre die Studie aus ethischer Sicht leichter zu rechtfertigen – auch wenn es am Ergebnis natürlich nichts geändert hätte.

Diesem Vorschlag widersprechen andere Experten vehement: Gerade bei Erkrankungen des Immunsystems könne man es Patienten nicht zumuten, eine Arznei zu nehmen, die ihr ohnehin labiles Immunsystem womöglich vollends durcheinander bringe, meint Johannes Löwer. Doch auch der Direktor des Paul-Ehrlich-Instituts zieht Konsequenzen aus den Vorfällen in England. "Bei den acht Studien, die wir seit August 2004 zu Antikörpern genehmigt hatten, waren Testgruppen von drei bis sechs Probanden vorgesehen. Ab sofort soll zunächst nur ein einzelner Proband die Arznei erhalten", sagt Löwer. Dann müsste eine Klinik nicht – wie jetzt in England – plötzlich sechs Notfälle gleichzeitig versorgen. Nur das Leben eines Menschen würde riskiert.

Noch ist nicht absehbar, welche Konsequenzen der britische Katastrophentest tatsächlich hat. Klar scheint nur, dass die Branche ihre bisherige Praxis gründlich überdenken muss. "Die Vorfälle in England werfen unser gängiges Studiendesign über den Haufen", prophezeit Rainer Schulz, Geschäftsführer von Quintiles GmbH in Freiburg, einer der großen Firmen, die Phase-1-Studien in Deutschland durchführen. Als goldener Weg galt bislang, jede klinische Studie doppelblind durchzuführen – weder Arzt noch Proband wussten, ob sich in der verabreichten Spritze das neue Mittel oder ein Scheinpräparat verbarg. Rein zufällig wurden die Testpersonen einer der beiden Gruppen zugeteilt, um eine Verfälschung der Ergebnisse durch die Auslese zu vermeiden. Wenn Experten wie Löwer jetzt fordern, zunächst nur Einzelnen den neuen Wirkstoff zu verabreichen, ist diese Strategie hinfällig.

Die Auswahl könnte weder zufällig noch doppelblind erfolgen. Sonst liefe der Arzt Gefahr, anfangs nur ein Placebo zu verabreichen und somit die Nebenwirkungen des Medikaments völlig zu unterschätzen. Oder er könnte eventuell die Dosis für die nächsten Probanden falsch berechnen, weil er die normale Bandbreite an Reaktionen bei verschiedenen Testpersonen nicht mehr ermitteln kann. Hätte der erste Proband gar einen unerkannten Gendefekt, würden alle kommenden Versuche auf falschen Ergebnissen beruhen.