Der alte Dodge holpert über die Straße nach San Sebastian, er wirbelt roten Staub auf. Die Landschaft ist flach und weit. Am Steuer sitzt Martin Chavez, neben ihm seine Frau. Hinten die Söhne, Nichten, Neffen, Cousinen. Seine ganze Familie hat Chavez in den Dodge gepackt, 14 Leute, alle sind klein wie er, mit olivfarbener Haut; Mestizen, wie die meisten Mexikaner. Chavez biegt in die Einfahrt eines Andenkenladens ein. Er lächelt. Die Götter haben es bisher gut mit ihm gemeint.

Hinter dem Laden öffnet sich eine Rasenfläche. Sie ist von Agaven umstanden und auf einer Seite gesäumt von grob gemauerten Baracken. In der Mitte des Rasens liegt ein Rechteck, bedeckt mit Schotter und groß wie ein Volleyballfeld. Chavez steigt aus. Er ist 49 Jahre alt, die langen schwarzen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er schleppt Taschen, Plastiktüten auf den Rasen, lässt sich daneben nieder. Zieht sein gebügeltes Hemd aus und stattdessen einen bunten Lendenschurz an, dazu einen golden glitzernden Umhang. Um die Knie wickelt er Wildlederstreifen. Er reibt sich Farbe ins Gesicht, auf die nackte Brust, bindet Federn ins Haar.

Die ganze Familie kostümiert sich mit perlenbestickten Kostümen, Armbändern, Rasseln. Einige stellen Raubtiere dar, andere haben ihre Gesichter als Totenschädel bemalt. Wirklich furchterregend sehen sie nicht aus, denn alle Kleider haben sie aus billigem Material selbst genäht. Sie sind aus buntem Filz, Goldfolie; ein Leopardendress war mal eine Kunststoffdecke. Die Familie stellt sich vor den Agaven auf. Ein Foto wird gemacht. Ein Mann in Anzughose und polierten Schuhen tritt heran. "Der Tod hier vorn, bitte etwas ernster", sagt er.

Der Mann heißt Adalberto Rodriguez. Seine Haare sind mit viel Pomade nach hinten gebürstet. Rodriguez leitet eine Reiseagentur in Mexiko-Stadt, 50 Kilometer entfernt von San Sebastian. Er kennt Martin Chavez seit Jahren, man kann sagen, dass er sein Entdecker ist. Chavez wird in seinem Auftrag an diesem Sonntagnachmittag ein Ballspiel aufführen, das schon die Azteken und Mayas gekannt haben sollen, ein uraltes Ritual. Im April werden Rodriguez und Chavez es in Deutschland zeigen, im Kulturprogramm der Fußball-WM.

Rodriguez geht zum Auto, schleppt eine Trommel herbei. Chavez schnallt sich einen Holzstab auf den Rücken. Daran ist ein Schild befestigt, es ragt über seinen Kopf hinaus, ein Sonnensymbol, umkränzt mit roten Hahnenfedern. Chavez treibt die Familie in einen Halbkreis, Jungen, Mädchen. Er brüllt ihnen ein Kommando zu. Sie beginnen zu tanzen, schnell und heftig. Kostüme rascheln, Schellen klappern. Adalberto Rodriguez steckt die Hände in die Hosentaschen, er sieht zufrieden aus.

Dann geht ein Teil der Familie auf dem Schotterplatz in Position, die Männer. Sie teilen sich auf in zwei gegnerische Mannschaften. Es gibt kein Netz, nicht einmal eine Markierung in der Mitte, die die Spielhälften trennt. "Gewöhnlich hängt an einer Wand neben dem Spielfeld ein großer eiserner Ring", sagt Adalberto Rodriguez. "Schafft es eine Mannschaft, den Ball hindurchzuschlagen, ist das Spiel zu Ende. Aber wir hatten leider heute keine Zeit, die Wand aufzubauen."

Martin Chavez tritt in die Mitte des Felds. Alle Mitglieder seiner Mannschaft tragen Sonnen auf ihren Kostümen. Ihnen gegenüber stehen die mit den Totenschädeln – der Mythologie nach kämpft in diesem Spiel die Sonne gegen den Tod, das Licht gegen die Finsternis. Trommeln schlagen. Chavez hat auf einmal einen Kautschukball in der Hand, klein wie eine Honigmelone. Er wirft ihn in die Luft, trifft ihn mit dem Ellenbogen. Der Ball fliegt in einem flachen Bogen ins gegnerische Feld. Ein Spieler schlägt ihn mit dem Ellenbogen zurück. Ein paarmal fliegt der Ball hin und her, fällt zu Boden. Jemand hebt ihn auf, spielt weiter. Rodriguez steht am Spielfeldrand, er hat die Arme verschränkt. "Für jede Berührung des Balls gibt es einen Punkt", erklärt er. "Einen Minuspunkt, wenn er auf den Boden fällt." Es gibt keinen Schiedsrichter.