Weder Geliebte noch Mutter

Man ist so alt, wie man sich fühlt, heißt es. Früher habe ich das auch immer gedacht und die Weisheit munter weiterverbreitet. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob der Satz wirklich stimmt. Denn mittlerweile gibt es Tage, da fühle ich mich so alt, wie man mich sieht.

Was ich damit meine? Nun, ich denke da etwa an die Bekannte, die mich kürzlich während eines Stehempfangs fragte: "Schreiben Sie noch ab und zu?" Sie meinte es nicht böse. Sie sah nur, was sie sah: eine ältere Frau, die den aktiven Teil ihres Lebens hinter sich hat. Nicht anders verhielt es sich mit dem netten jungen Herrn, der mir neulich in der Straßenbahn seinen Sitzplatz anbot, oder mit der Angestellten im Einwohnermeldeamt, die als Berufsbezeichnung "Rentnerin" in den neuen Personalausweis eintragen wollte. Beiden lag es fern, mich zu kränken. Sie sahen nur, was sie sahen: eine Frau, die das Rentenalter erreicht und an Standfestigkeit eingebüßt hat. Die Entrüstung, die bei solchen Gelegenheiten in mir aufsteigt, ist mein Problem, nicht ihres; aber sie zeigt, wie sehr das gefühlte Alter vom tatsächlich wahrgenommenen Alter abweichen kann.

Über solche Äußerlichkeiten sollte man sich mit Humor hinwegsetzen, ich weiß. Gleichwohl machen mir die Vorfälle zu schaffen. Sie lösen in mir eine Art Rechtfertigungszwang aus, gegen den ich machtlos bin. Ja, ich werde demnächst 66 Jahre alt, ja, ich beziehe Rente, und ja, ich könnte mir das Nichtstun leisten. Aber ich ziehe es vor zu arbeiten, weil mir die Arbeit Spaß macht und sich für meine Beiträge noch immer Interessenten finden. Soll ich mich dafür entschuldigen? Traut man es mir nicht mehr zu? Oder ist man gar neidisch, weil ich mich noch nicht zum alten Eisen zählen lasse? In diesem Wirrwarr von Projektionen, Unterstellungen und Verdächtigungen Klarheit zu schaffen ist manchmal schwierig.

In Medien und Werbung werden zurzeit die aktiven Senioren gepriesen. Man nennt sie jetzt "Silver Agers", weil das besser klingt und sie als kaufkräftiges Kundensegment zur gefragten Zielgruppe geworden sind. Das gefällt mir, ich fühle mich angesprochen. Wenn ich mir dann aber die Bilder anschaue, die von der neuen Altersklasse verbreitet werden, stelle ich fest, dass sie mit meiner Realität wenig zu tun haben. Ich spiele weder Bridge noch Golf, ich halte nichts vom Taubenfüttern im Park, und Kreuzfahrten sind auch nicht mein Ding. Ich wünsche mir auf meine alten Tage keine ewigen Ferien, sondern ein normales Leben im Wechsel von Alltag und Freizeit, wie ich es bislang auch geführt habe.

Mit Jugendlichkeitswahn hat das nichts zu tun. Ich weiß, dass ich älter werde und meine Kräfte nachlassen. Als Frau weiß ich es vielleicht sogar besonders gut. Denn wenn es um Selbstwahrnehmung geht, haben wir Frauen, glaube ich, schärfere Augen als Männer. Mit unbarmherzigem Blick erkennen wir, wo was hängt, schrumpelig wird und an Glanz verliert. Und nicht weniger unerbittlich registrieren wir auch, wo die Merkfähigkeit nachlässt und es mit dem Gedächtnis hapert. Wir sehen es bei uns, und wir sehen es vor allem bei anderen. Da entgeht uns kein Makel und kein Versuch, ihn zu beheben. Manchmal kommt es mir vor, als würden mich die Alterserscheinungen meiner Freundinnen und Bekannten förmlich anspringen und sagen: Schau, das bist auch du, und es sind deine Hautfalten und deine Vergesslichkeiten, die da verhüllt und überspielt werden! Wie in einem Spiegel erkenne ich dann, wie ich altere, und weiß, dass es den andern nicht anders ergeht.

Einstweilen beschränken sich solche Wahrnehmungen noch weitgehend auf den körperlichen Bereich. Kränkend sind sie trotzdem. Ja, ich stelle sogar fest, dass der Körper eine Bedeutung gewinnt, die er bisher nicht hatte. Früher war er einfach da, tat seinen Dienst und war mir ein treuer Begleiter in Lust und Schmerz. Heute registriere ich seinen schleichenden Verfall, der sich nur vertuschen, nicht aber negieren lässt. Der Anblick eines gealterten Körpers bereitet mir, ich muss es zugeben, nach wie vor Mühe. Als ich neulich bei Herlinde Koelbl Fotos nackter alter Frauen sah, war ich peinlich berührt und wusste, ich hätte mich so nicht gezeigt.

Die Frage stellt sich, wie ich mit dieser Situation umgehe. Soll ich mich definitiv auf meine inneren Werte besinnen? Oder soll ich es doch noch mal mit all den Cremes und Lotionen versuchen, die meiner Haut neue Festigkeit und erhöhte Dichte versprechen? So richtig behagen will mir beides nicht. Das Erste klingt wie eine Schutzbehauptung, das Zweite wie ein leeres Versprechen. Und wozu soll ich trennen, was ich mein Leben lang als Einheit verstanden habe?

Die Einladung zu einer Podiumsveranstaltung löste das Dilemma: Eine Politikerin und ich sollten mit einer Lifestyle-Redakteurin und einer ehemaligen Miss Schweiz über das Thema "Forever young – Traum oder Albtraum?" diskutieren und der Frage nachgehen, wie eine Frau den "Übergang von der jugendlichen Liebhaberin zur Charakterdarstellerin" meistert. Ich habe abgesagt. Dass ich nicht mehr als jugendliche Liebhaberin durchgehe, weiß ich. Und doch war ich irgendwie gekränkt, weil mir da jemand deutlich zu verstehen gab, dass ich aufgehört hatte, begehrenswert und verführerisch zu sein. Und dies bloß, weil ich eine alte Frau geworden war. Als ich mich kurz danach beim Zahnarzt zwischen einer Teilprothese und einem Implantat entscheiden sollte, wurde mir bewusst, dass die Einschätzung so falsch nicht war. Oder möchte man sich ein romantisches Stelldichein vorstellen, nach dem man seine Zähne unter dem Wasserhahn spült?

Weder Geliebte noch Mutter

Neulich sagte mir eine Bekannte, die nur wenig älter ist als ich, sie habe manchmal das Gefühl, als Frau unsichtbar geworden zu sein. An der Bemerkung ist etwas dran, denke ich. Wer bin ich, wenn ich als Geliebte und Mutter potenzieller Kinder nicht mehr infrage komme? Ich bin noch immer eine Frau, ich bin noch immer die sturmerprobte Partnerin meines Mannes, und ich bin noch immer die Journalistin, die in manchen Debatten ihr gewichtiges Wort mitzureden hat. Aber sehen die andern das auch so? Den Platz der alternden Frau in der Gesellschaft gilt es erst noch zu definieren. Graue Schläfen und Lebenserfahrung scheinen bei Frauen nicht gleich attraktiv zu sein wie bei Männern. Ob das wirklich nur damit zusammenhängt, dass Männer auch im fortgeschrittenen Alter noch immer reproduktionsfähig sind, Frauen hingegen nicht? Wenn ich mir einen jugendlichen Liebhaber nähme, liefe ich Gefahr, mich lächerlich zu machen. Ein Mann, der das Gleiche tut, ist ein toller Hecht.

In Zürich läuft zurzeit eine Plakatkampagne, die die Wertschätzung älterer Mitmenschen steigern soll. Da liest man zum Beispiel unter dem Foto eines alten Mannes den Satz: "Wer weiß mehr über Leidenschaft als ein Neunzigjähriger?" Ich wage die Behauptung, dass die gleiche Aussage unter dem Foto einer alten Frau undenkbar wäre. Sexuelle Bedürfnisse älterer Frauen sind kein Thema, über das man gerne spricht. Wir tun es ja selber kaum und müssen schmerzlich zur Kenntnis nehmen, wie mit der Sprachlosigkeit auch die Chance auf Erfüllung schwindet.

An dieser Situation sind wir Frauen selbst nicht ganz unschuldig. Wir haben zu lange geschwiegen und es den Männern überlassen, Verhaltenskodex und Sprachregelung festzulegen. Das muss sich ändern. Es werden die älteren Frauen von heute sein, die denen von morgen als Vorbilder dienen. Noch haben die Männer uns da einiges voraus. Für sie gibt es Rollen, die auch jenseits der 60 begehrenswert erscheinen: die des Elder Statesman zum Beispiel, des Senior Consulter oder des emeritierten Wissenschaftlers. Wo aber sind die weisen Frauen, deren Rat gesucht und deren Meinung bis ins hohe Alter gefragt ist? Spontan fallen mir die französische Politikerin Simone Veil und Hildegard Hamm-Brücher ein, wenn ich nach Beispielen suche. Die Latte, liebe Frauen, liegt hoch.

Die Autorin ist Journalistin. Sie war Redakteurin bei der "Neuen Zürcher Zeitung" und der "Weltwoche" und wurde vor fünf Jahren pensioniert

Alte Männer mögen gleichaltrige Frauen
Alte Menschen bevorzugen Partner in ihrem Alter. Nur 10 Prozent der über 65-jährigen Männer haben Partnerinnen, die mehr als zehn Jahre jünger sind. Zwar haben 77 Prozent der über 60-Jährigen jüngere Partnerinnen, doch beträgt der Altersunterschied durchschnittlich nur 3,5 Jahre.