Es soll rote Rosen regnen. In der serbischen Provinzstadt Požarevac bedecken Blütenblätter die Straße, über die Slobodan Miloševic wie ein Märtyrer zu Grabe getragen wird. Der Totengräber des alten Jugoslawien, gestorben in einer Zelle des Haager Kriegsverbrechertribunals. Der Opportunist, der die patriotischen Sentimentalitäten seines Volkes dazu missbrauchte, die Macht im Land zu ergreifen. Der Autokrat, der mit seinem Clan den Staat ausplünderte. Es sei ein "halb staatliches" Leichenbegängnis schreibt die Belgrader Zeitung Politika. Also kein privater Trauerfall. Wer dort auftritt, sucht die Öffentlichkeit.

Pensionierte Generale haben ihre Galauniform aus der Mottenkiste geholt. Kriegsinvalide ihre Orden angeheftet. Eine Delegation aus Russland: Kommunistenführer und Kommandant. Alte Frauen und Männer trauern und halten Andachtsbildchen vor der Brust. Zehntausende sind gekommen. Bei ihrer Totenfeier beschwören sie noch einmal die Gespenster des Balkans, im Hier und Heute "Serbiens Herz, Ehre und Stolz" zu versinnbildlichen. Eine gestrige und vorgestrige Welt, eine Welt, die sich aus dem apokalyptischen Pathos blutiger Mythen nährt.

Ein hagerer Herr tritt an das Grab. Er sei ein "großer Freund des serbischen Volkes" heißt es. Er liest vom Blatt. Nicht Abschiedsworte. Nur wenige enigmatische Zeilen verliest Peter Handke, aber sie erzählen, wie innig sich der Dichter mit dieser gespenstischen Welt, mit ihrem Totenkult und ihren Opferapotheosen verbrüdert hat. "Die so genannte Welt ist keine Welt", liest Handke. Ein scheinbar lapidarer Satz, der mehr meint, als er sagt. Ein Satz, aus dem die radikale Verweigerung spricht, die Existenz von Tatsachen anzuerkennen. Der Satz eines Sektierers.

Es ist eine Beharrungsgeste, mit der Peter Handke durch seine Teilnahme an der Totenfeier für Slobodan Miloševic der so genannten Welt gegenübertritt. Er hat jahrelang mit anschwellendem Trotz an seiner Gerechtigkeit für Serbien-Pose festgehalten, die nie etwas mit der durchaus berechtigten Kritik an der westlichen Balkanpolitik zu tun hatte, wie Handkes Apologeten glauben machen wollen, sondern kein eigentlich politisches Motiv besaß und vielmehr in der Heroisierung einer Sehnsuchtsheimat bestand. Seine Schwärmerei nährte sich aus der Negation all jener Ereignisse, welche die Geschichte der Balkankriege bestimmten. In seinen Verteidigungsschriften des serbischen Nationalismus hat Handke viel zynische Verharmlosung und viel Unsinn in die Welt, in die so genannte, gesetzt, was nicht weniger zynisch oder weniger unsinnig dadurch wurde, dass er sich dazu seiner Dichtersprache bediente, die ihm erlaubte, von der Position einer angemaßten poetischen Überlegenheit alles in Abrede zu stellen, was er nicht wahrhaben wollte. In dem literarischen Eremitendasein, das Handke führt, besteht das Wesen des Poetischen vor allem darin, dass es alle anderen Kriterien, an denen ein Text zu messen ist, außer Kraft setzt. Das führt zur Umdeutung des Eigentlichen in das Private, des Tatsächlichen in das Empfundene: zu einer gefühlten Realität. "Geschichte ist nicht zu denken", sagte Handke unlängst in einem Interview mit der ZEIT.

Poesie taugt aber nicht als Ausrede für Realitätsverweigerung oder zur Rechtfertigung öffentlicher politischer Auftritte, die mehr als fragwürdig sind. Das schien auch Handke zu ahnen. Zwar besuchte er Miloševic in dessen Zelle in Den Haag zu einem langen Gespräch, doch anschließend weigerte er sich, als Entlastungszeuge vor dessen Richter zu treten. Man kann darin auch Feigheit sehen, sich einer nüchternen Wirklichkeit mit all ihren Namen, Daten und Fakten zu stellen.

Im serbischen Požarevac hingegen drohte diese Gefahr nicht. Es war ein poetischer Augenblick im Sinn des Dichters: "Ich blicke herum, höre zu, empfinde, erinnere mich", las er vor. Verklärung.