Ein Amerikaner in Wien: Edward Serotta, 56, ist Fotograf, Journalist und Gründer von centropa.org, einer einzigartigen "Bibliothek der geretteten Erinnerungen".

Koscheres Paradies Sie wollen ein Gefühl für das jüdische Leben einer Stadt entwickeln? Dann besuchen Sie die koscheren Lebensmittelläden! Berlin, das werden Sie da gleich bemerken, ist in dieser Hinsicht eine Art koschere DDR, eine Wüste. Wien dagegen ist paradiesisch, hier kriegen Sie alles, was das Herz begehrt. Ein Corned Beef wie bei Ainhorn im zweiten Bezirk gibt es nirgendwo sonst. Oder das Challah, die jüdischen Fastenstriezl, vom koscheren Bäcker in der Tempelgasse – ein Gedicht. Sechs Jahre lang habe ich in Berlin gelebt. Da gab es keine sechs Freitage, an denen ich zum Sabbat-Essen eingeladen war. Seit 1997 lebe ich in Wien – da hatte ich keine sechs Freitage, an denen ich nicht eingeladen war. Fragen Sie einen Juden, der aus Berlin nach Wien kommt: Was macht er hier zuerst? Er geht einkaufen.

Nazi, Schmazi Amerikaner fragen mich immer: Wie erträgst du Wien, mit dem Haider, mit den Antisemiten? Die brauchen mich doch nicht, antworte ich, die Antisemiten sind sich ja selbst genug. Mich interessiert das jüdische Leben, nicht der Antisemit. Ich bin ein obsessiv positiver Mensch. Als ich Mitte der achtziger Jahre Mitteleuropa entdeckte, war ich als Vertreter für Bürowaren unterwegs. Ich hatte die Bücher von Joseph Roth gelesen, und in Prag hatte mir eine alte jüdische Dame aus ihrem Leben erzählt. Von da an wollte ich nicht mehr zurück nach Savannah. Mit einem Mal war das jüdische Leben mein Thema: Ich war fasziniert, nach den Jahrzehnten des Horrors in all diesen Ländern Juden zu finden, die mit viel Kraft ihr jüdisches Leben führten.

Daraus wuchs centropa.org: Wir dokumentieren nicht, wie unsere jüdischen Nachbarn gestorben sind, wir bewahren die Erinnerung daran, wie sie gelebt haben. In 14 Ländern sammeln wir Fotos, Lebensgeschichten und Kochrezepte. Bis 2008 wollen wir 1500 Lebensgeschichten aufgezeichnet und im Internet zugänglich gemacht haben. Demnächst starten wir auch eine eigene Website Viennese Family History. 90 Interviews haben wir dafür schon geführt, bald werden es 120 sein.

Überall in der Welt sind Menschen fasziniert von unseren Projekten. Auch Österreich fördert unsere Arbeit – der Nationalfonds, das Kanzleramt, einige Banken. Nur die Stadt Wien scheint nicht so recht zu verstehen, was sie an uns hat: Dereinst werden junge Österreicher fragen, wie Juden nach dem Krieg in Wien gelebt haben. Die einzig ernsthafte Oral History werden sie bei centropa.org finden. Eigentlich unverständlich, dass die Unterstützung der Stadt so bescheiden ausfällt.