Glaubt man den Kommentatoren, die nach Abschluss des freiheitlichen Anti-EU-Volksbegehrens die Sozialdemokraten in der vergangenen Woche zerzaust haben, so steckt die SPÖ in einer Populismusfalle. Die Parteiführung, so der Vorwurf, steure in Konkurrenz zum rechten Rand des politischen Spektrums einen bewusst europakritischen Kurs und laufe dadurch Gefahr, einen möglicherweise entscheidenden Teil ihrer Wählerschaft zu verschrecken. Doch das vermeintliche Dilemma entpuppt sich bei näherer Betrachtung als strategisches Kalkül.

Ob die Sozialdemokratie je eine Klassenpartei war, sei dahingestellt. Ihre Hegemonie im proletarischen Milieu war auch vor 1934 verbunden mit der prominenten Rolle bürgerlicher (und damals vor allem jüdischer) Intelligenz. Heute hat sich das nur teilweise verschoben: Zwar wetteiferte die FPÖ in den neunziger Jahren erfolgreich mit der SPÖ um die Arbeiterstimmen, doch 2002 hat die Sozialdemokratie wieder die Dominanz in diesem Segment zurückerobert. Und die Bildungsschichten, für die heute die SPÖ wählbar ist, sind die "neuen Mittelschichten".

Zwischen der Ersten Republik und 2006 hat sich freilich einiges an Gewicht verschoben: Der Sektor der Gesellschaft, der proletarisch genannt werden könnte – gekennzeichnet durch den Mangel an höheren Bildungsabschlüssen und durch unselbstständige Arbeit –, ist rasant geschrumpft. Der durch höhere Bildung charakterisierte "neue Mittelstand" hingegen wächst kontinuierlich – wenn er auch in Österreich noch immer kleiner ist als im übrigen Europa.

Eine Sozialdemokratie, die Großpartei bleiben will, muss für beide Segmente attraktiv sein. Vom Anspruch mag das gelingen: Den sozial Schwachen wird mehr Sicherheit in Aussicht gestellt; dem neuen Mittelstand wird dies als Ausdruck prinzipieller Solidarität plausibel gemacht.

Solange sich Österreich als Insel versteht, bereitet diese Orientierung an zwei unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft nur geringe Probleme. Aber sie wird schwierig, wenn Österreich in einen europäischen und globalen Kontext gestellt wird. Dann wird der Spagat zwischen den materialistischen Ansprüchen der einen und den postmaterialistischen der anderen Gruppe widersprüchlich. Im europäischen und globalen Kontext werden die Gegensätze zwischen Proletariat und Proletariat deutlich; es wird klar, dass die Interessen slowakischer (oder auch indischer) und jene österreichischer Arbeiter zumindest kurz- bis mittelfristig auseinander laufen.

Die Einstellungen zur europäischen Integration geben eine Auskunft: Je gebildeter desto EU-freundlicher sind die Österreicher. Der neue Mittelstand denkt, wenn es um die EU und um deren Erweiterung geht, an die Verbesserung der Lebenschancen. Die sozial Schwachen in Österreich denken an Lohn- und Sozialdumping und an schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.